«Kingdom Come: Deliverance»: So authentisch, dass du den Pferdemist riechen kannst

«Kingdom Come: Deliverance»: So authentisch, dass du den Pferdemist riechen kannst

Philipp Rüegg
Zürich, am 19.02.2018
Rollenspiele im Mittelalter sind meist unweigerlich mit Drachen und Zauberei verbunden. Nicht so «Kingdom Come: Deliverance». Das tschechische Studio Warhorse setzt auf Authentizität statt Fantasy und lässt Spieler ein bekanntes Szenario aus einer neuen Perspektive erleben.

Games beginnen meist mit einem Knaller: In «Skyrim» verhindert ein feuerspeiender Drache in letzter Sekunde deine Hinrichtung. In «The Witcher 3» kämpfst du in der ersten Mission mit Schwert und Armbrust gegen einen riesigen Greifen. In «Kingdom Come: Deliverance» bewirfst du – dramatische Pause – eine Hauswand mit Pferdemist, weil der Besitzer über den König gelästert hat. Das Erstlingswerk von Warhorse, einem jungen tschechischen Studio, will keine übertriebene Fantasy-Saga sein. Das realistische Mittelalter-RPG «Kingdom Come: Deliverance» ist bodenständig und erfrischend anders.

Es ist das Jahr 1403 und Böhmen (heute Tschechien) wird nach dem Tod von König Karl des IV von Unruhen geplagt. Du spielst Heinrich, Sohn eines Schmieds. Du bist kein Auserwählter, in dir schlummern keine Spezialkräfte und du kannst auch nicht mit deiner Stimme Gegner durch die Luft wirbeln. Heinrich ist ein gewöhnlicher junger Mann, der ungewollt in einen blutigen Bürgerkrieg hineingezogen wird. Rollenspiel typisch erledigst du dabei Quests, kämpfst gegen Banditen, findest bessere Ausrüstung und entdeckst neue Orte. Der Unterschied zu anderen RPGs ist, dass alles etwas gemächlicher vonstatten geht. Dadurch nimmst du die Welt aktiver wahr und die ist definitiv das Highlight des Spiels.

Die Landschaft ist traumhaft.
Die Landschaft ist traumhaft.

Mittelalter durch und durch, ausser wenn nicht

Warhorse hat sich enorm viel Mühe gegeben, das Europa des 15. Jahrhunderts so glaubhaft wie möglich nachzubilden. Das fängt bei der Geographie an. Die Landschaften, die Häuser, die Strassen sind mit Hilfe historischer Daten und Satellitenkarten möglichst detailgetreu nachgebildet worden. Das spürt man. Die Welt fühlt sich echt an. Wenn irgendwo ein Haus an einem Fluss steht, dann passt es dahin. Die Welt wirkt nicht als ob sie der Fantasie entsprang, sondern absolut glaubhaft. Ich hab mich noch nie so ins Mittelalter versetzt gefühlt wie in diesem Spiel. Obwohl auch «Assassin’s Creed» historische Welten aufwendig reproduziert, drückt dort der Game-Aspekt deutlicher durch. «Kingdom Come: Deliverance» fühlt sich an wie der spannendste und plastischste Geschichtsunterricht aller Zeiten.

Ich gehöre nicht zu den geduldigsten Gamern, aber mir hat es nichts ausgemacht, wenn ich längere Strecken zu Fuss zurücklegen musste. Es fühlt sich dann wie ein gemütlicher Spaziergang an. Ich geniesse die Umgebung und sauge jedes Detail in mich auf. Die Menschen gehen ihrem Tagwerk nach und die Welt wirkt (meist) sehr lebendig.

Meistens ist der Pferdeanteil deutlich geringer.
Meistens ist der Pferdeanteil deutlich geringer.

Leider kann selbst «Kingdom Come: Deliverance» die Illusion nicht konstant aufrecht halten. Dass praktisch niemand ausser mir zu Pferd unterwegs ist, ist mehr als verwunderlich. Oder wenn der Müller abends um zehn immer noch Mehlsäcke herumschleppt. Oder wenn dir wegen einer Tätlichkeit gegen die Stadtwache, die gesamte Garnison nachrennt. Oder wenn du für einen Mord im Wald zur Rechenschaft gezogen wirst, obwohl die Hasen und Wildschweine wohl kaum in den Zeugenstand geladen werden. Solche Momente nagen am Mittelalter-Zauber. Glücklicherweise sind sie eher selten.

Ausserdem wirst du keinem einzigen schwarzen, dicken (ausser vielleicht Hanush), kleinwüchsigen oder besonders grossem Menschen begegnen. Alle sind weiss und von durchschnittlicher Statur. Dass zumindest Ersteres unter anderem damit zu tun haben soll, dass der Chef-Entwickler des Studios offenbar zweifelhafte Ansichten zu Minderheiten und Ausländern pflegt, hinterlässt einen fahlen Nachgeschmack.

Sinnvolle Aufgaben

Zur Atmosphäre trägt auch bei, dass du nicht von Quests erschlagen wirst. Sie sind überschaubar und wirken wie Aufgaben, die jemand in Heinrichs Schuhen angenommen hätte. Anfangs verdient er sich mit kleineren Sammelaufträgen, Botengängen oder Jagen ein paar Groschen. Später drehen sich die Quests aber auch um Exorzismus, Pferdemörder und verschollene Priester. Fast immer glaubhaft, angenehm abwechslungsreich und oft mit unterschiedlichen Lösungswegen. Heinrich ist bei alledem zwar nicht der interessanteste Geselle, aber das trügt die Geschichte nur minimal.

Das Leben im Mittelalter ist hart

Heinrich muss regelmässig essen und schlafen. Ausserdem sollte er darauf achten, dass ihm nicht die Äpfel und Pfannkuchen im Inventar verschimmeln. Sonst gibt's eine Lebensmittelvergiftung und negative Auswirkung auf die Gesundheit. Auch solltest du aufpassen, falls du aus Gewohnheit alles einsammelst, was nicht niet und nagelfest ist. Wer beim Stehlen erwischt ist, landet im Kerker und das wirkt sich negativ auf die Beziehung mit NPCs aus.

Allerdings steigt dein Level im Stehlen nur, wenn du regelmässig vom Fünffinger-Rabatt gebrauch machst. In «Kingdom Come: Deliverance» verbesserst du deine Werte mit der Benutzung. Viel körperliche Aktivität erhöht die Vitalität und mehr Schwertkampf verbessert deine Fähigkeiten mit Waffen. Gewisse Fähigkeiten lernst du bei bestimmten Personen (meist gegen Geld). Zu guter Letzt kriegst du auch noch Erfahrungspunkte, die du in verschiedene Perks investieren kannst. Weniger Blutungen, mehr Tragelast oder Vorteile in Gesprächen mit Adligen. Das alles sorgt für viel Flexibilität.

Die Welt ist das Highlight des Spiels.
Die Welt ist das Highlight des Spiels.

Wo wir beim Kampfsystem angelangt wären. Auch hier setzt Warhorse auf einen möglichst hohen Grad an Realismus. Gegner, die keine schwere Rüstung tragen, zählen nach zwei guten Treffern die Radieschen von unten. Dir ergeht es ähnlich. Angreifen kannst du aus verschiedenen Richtungen, es gibt Finten, Blocken und Konter. Im Grunde erlaubt das System dynamische Kämpfe, die Reaktion und Taktik erfordern. Leider triffst du immer wieder auf Gegner, die perfekt Blocken, scheinbar über unendliche Ausdauer verfügen und dich mit Kombos zudecken. Auch Boxkämpfe sind etwas chaotisch und arten schnell in wildes Geklicke aus, bis der Gegner am Boden liegt. Trotzdem finde ich die Kämpfe insgesamt fordernd und abwechslungsreich. Nur das Bogenschiessen ist ohne Zielkreuz eine ziemliche Herausforderung. Aber es soll ja realistisch sein.

Die Technik ist ein zweischneidiges Schwert

Wo Cryengine drin steht, da ist der Hardware-Hunger nicht weit. «Kingdom Come: Deliverance» sieht wahnsinnig hübsch aus. Die detaillierte Umgebung, die Lichteffekte und die hochauflösenden Texturen haben ihren Preis. Selbst mit einer GTX 1080 Ti kann ich mit 3440 x 1440 Pixel nicht annähernd mit konstanten 60fps auf Ultra spielen. Da das Spiel aber kein Shooter ist, der blitzschnelles Agieren erfordert, ist es selbst mit Schwankungen zwischen 30-50fps noch gut spielbar. Ansonsten sieht es auch auf High oder Medium immer noch sehr hübsch aus.

Nur die Gesichtsanimationen sind etwas gar hölzern. Glücklicherweise machen besonders die englischen Synchronstimmen diesen Umstand fast wieder wett.

Die Gesichter sind hübsch, solange sie nicht zu sprechen versuchen.
Die Gesichter sind hübsch, solange sie nicht zu sprechen versuchen.

Fazit: Ein etwas holpriger, aber lohnenswerter Ritt ins Mittelalter

«Kingdom Come: Deliverance» hat mich mit seiner realistisch anmutenden Welt in seinen Bann gezogen. Die malerische Landschaft, die massiven Burgen und das Treiben auf den Strassen sorgen für eine einzigartige Atmosphäre. Wenn du etwas Entschleunigung suchst und dich auf das Spiel einlassen kannst, wirst du dich im historischen Böhmen wohl fühlen. Die Geschichte ist spannend und wird dich mit abwechslungsreichen Quests viele Stunden bei der Stange halten. Das eher träge Spieltempo und die teils rudimentären Aufgaben sind jedoch nicht jedermanns Sache. Dass man nicht wirklich frei speichern kann, dürfte auch nicht allen passen. Es sorgt allerdings effizient dafür, dass man nicht ständig Leute beklaut und jede Truhe aufbricht – weil man es ja mal versuchen kann. Das erhöht den Realismus zusätzlich. Ansonsten gibt es dafür bereits Mods (zumindest auf PC).

Leider zahlst du für die Grafikpracht einen hohen Hardwarepreis und diverse Bugs trüben noch etwas das Spielerlebnis. Das Spiel ist kein hochpolierter AAA-Titel. Wenn du es ruppiger magst, dann findest du mit «Kingdom Come: Deliverance» ein äusserst ambitioniertes Spiel, das nicht nur Mittelalterfans begeistern kann.

Kingdom Come: Deliverance (PC, DE)
29.90
Deep Silver Kingdom Come: Deliverance (PC, DE)
Kingdom Come: Deliverance (Xbox One, DE)
–59%
24.90statt 60.50
Deep Silver Kingdom Come: Deliverance (Xbox One, DE)
Kingdom Come: Deliverance (PS4, DE)
33.50
Deep Silver Kingdom Come: Deliverance (PS4, DE)

28 Personen gefällt dieser Artikel


Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren