Jabra Elite 85h: Noch ein Over-Ear-Kopfhörer mit Noise Cancelling

Jabra Elite 85h: Noch ein Over-Ear-Kopfhörer mit Noise Cancelling

David Lee
Zürich, am 11.09.2019
Der Jabra Elite 85h kann alles ziemlich gut, einiges sogar sehr gut. Trotzdem ist es wohl kaum das Gerät, auf das die Welt gewartet hat. Das liegt vor allem an der starken Konkurrenz.

Der Jabra 85h ist ein Over-Ear-Kopfhörer mit aktivem Noise Cancelling (ANC) für um die 300 Franken. Ja, noch einer. Davon gibts momentan ziemlich viele. Denn die schon etwas älteren Bose QC35 II und Sony WH-1000XM3 sind mittlerweile so weit im Preis gefallen, dass sie ebenfalls in diese Klasse gehören. Auch der Sennheiser Momentum 2 mischt da seit längerem mit und sogar eine Schweizer Firma wirft eine Eigenentwicklung auf den Markt.

299.–
Jabra Elite 85H (Over-Ear, Titanium Black)
269.–
Jabra Elite 85H (Over-Ear, Gold Beige)
298.–
Jabra Elite 85H (Over-Ear, Navy Blue)

Die Frage ist also: Was kann der Jabra Elite 85h besser als die bisherigen Platzhirsche?

Rein von den Specs her hat das Modell Jabras ein paar kleine Pluspunkte: Es geht nicht gleich kaputt, wenn es mal nass wird und weist eine sehr gute Akkulaufzeit von 36 Stunden mit eingeschaltetem Noise Cancelling auf. Aber das allein sind noch keine Kaufgründe.

Der Sound

Der erste Eindruck des Klangs ist in Ordnung. Im Direktvergleich mit der Konkurrenz von Bose und Sony zeigen sich allerdings kleine Schwächen. Die Bässe bringt Jabra nicht so kräftig hin wie Sony mit dem WH-1000XM3. Die Höhen stechen sehr deutlich heraus – mir sind sie zu dominant, ich empfinde das als nicht ganz ausgewogen.

Die App von Jabras bietet genau wie Sony einen Fünf-Band-Equalizer, mit dem du den Sound anpassen kannst. Ich kann also die Höhen gemäss meinem Geschmack etwas abdämpfen. Allerdings bin ich kein grosser Fan von Equalizern, denn ich finde, der Sound muss schon in den Grundeinstellungen passen. Die fehlende Wucht bei den Bässen lässt sich zum Beispiel nicht über den EQ herbeizaubern.

Der Equalizer in der Jabra-App
Der Equalizer in der Jabra-App

Etwas enttäuschend für diese Preisklasse: Der Jabra Elite 85h bietet weder aptX/aptX HD noch AAC. Somit bleibt nur der Standard-Bluetooth-Codec SBC. Doch auch SBC klingt sehr gut, wenn die Bitrate genügend hoch ist. Und mit Bluetooth 5.0 dürfte das in den meisten Situationen der Fall sein.

Nebst Bluetooth bietet der Kopfhörer auch Soundübertragung über das gute alte Audio-Kabel. Normalerweise liefert die Kabelübertragung einen besseren Sound als der Standard-Bluetooth-Codec. Aber nicht beim Jabra Elite 85h. Der Sound per Kabel ist viel zu leise. Wenn ich mit dem Smartphone Musik höre, muss ich am Kopfhörer die Lautstärke so weit aufdrehen, dass es massiv zu rauschen beginnt. Auch am PC oder oder an einer Stereoanlage, die mehr Saft hat, kommt es nicht gut: Dann übersteuert der Audio-Eingang und es fängt an zu scherbeln.

Kurz: Der Sound ist okay, aber ich finde sowohl den Bose QC35 II als auch den Sony WH-1000XM3 in diesem Punkt besser. Und der Kabelanschluss ist nicht mehr als eine Notlösung, falls mal keine Bluetooth-Verbindung möglich ist.

Das Noise Cancelling

Umgebungslärm schirmt der Jabra Elite 85h wesentlich besser ab als zum Beispiel mein Sennheiser Momentum 2. Das ANC ist ziemlich wirkungsvoll, aber nicht ganz auf dem Level eines Sony 1000XM3. Die Stärke lässt sich nicht einstellen. Hingegen gibt es eine Funktion namens Hear Through. Sie nimmt Umgebungsgeräusche, inklusive die eigene Stimme, über die Mikrofone auf und überträgt sie auf die Speaker. Sozusagen das Gegenteil von Noise Cancelling, für die Fälle, in denen du mitbekommen willst, was rundherum abläuft. Zwischen diesen Modi kannst du schnell und und einfach durch eine Taste am Kopfhörer wechseln.

Das Setting für den Gebrauch an lauten Orten
Das Setting für den Gebrauch an lauten Orten

Die App bietet vier Profile für Alltagssituationen – sogenannte Momente – die du den eigenen Vorlieben anpassen kannst. Ein Moment enthält die Information, ob ANC oder Hear Through oder keines von beidem eingeschaltet ist sowie eine Equalizer-Einstellung. Die Kopfhörer sind zudem in der Lage, die Profile automatisch zu wechseln, indem sie den Umgebungslärm analysieren. Obwohl das nicht allzu schlecht funktioniert, wechsle ich lieber manuell.

Unter dem Strich sind die Noise Cancelling-Funktionen ganz okay, aber nicht das beste, was ich je gehört habe.

Die Bedienung

Wenn der Jabra beim Sound und beim Noise Cancelling die Konkurrenz nicht schlagen kann, warum sollte ihn dann überhaupt jemand kaufen? Ich finde: Wegen der Bedienung. Die ist nämlich top.

Bei Nichtgebrauch werden die Ohrmuscheln gedreht, damit sie platzsparend im Etui verstaut werden können. Dadurch schaltet sich der Jabra automatisch aus. Nimmst du ihn wieder heraus und drehst die Muscheln zurück, schaltet er sich ein.

Das ist praktisch. Noch praktischer: Beim Abnehmen der Kopfhörer pausiert die Musik und beim Aufsetzen spielt sie weiter. Abgesehen von einer kurzen Verzögerung von einer oder zwei Sekunden beim Abnehmen funktioniert das perfekt. Wer das nicht will, kann es in den Einstellungen deaktivieren.

Der Jabra Elite 85h hat fünf physische Knöpfe, die sich gut ertasten lassen und dennoch unauffällig gestaltet sind.

Gutes Design: Zwei unauffällige Punkte zum Erfühlen der Lautstärketasten
Gutes Design: Zwei unauffällige Punkte zum Erfühlen der Lautstärketasten

Über die App bietet Jabra Firmware-Updates an. In meinem Fall ermöglichte das Update, die Sprachansage des Kopfhörers von Englisch auf Deutsch umzuschalten. Die Stimme ist in beiden Sprachen sehr angenehm und in anständiger Tonqualität – nicht so wie beim Bose QC35 II.

Telefonieren

Jabra hat sich vor allem mit Headsets für die Bürokommunikation einen Namen gemacht. Nicht weniger als acht Mikrofone hat Jabra in den Elite 85h eingebaut. Von daher müsste die Telefoniefunktion ansprechend sein.

Bei einem kurzen Testtelefonat überzeugt mich die Sprachqualität. Die Stimme ist für meine Gesprächspartner zwar eher leise, aber gut verständlich. Auch das Herausfiltern des Umgebungslärms klappt gut. In der App kann ich einstellen, wie laut meine eigene Stimme über die Kopfhörer sein soll und sogar einen eigenen EQ für die Stimme des Gesprächspartners einrichten. Optional kann der Elite 85h Anrufe automatisch entgegennehmen, wenn ich ihn aufgesetzt habe – was ich allerdings niemals tun würde.

Fazit: Okay, aber kein Knaller

Wegen dem Sound musst du den Jabra nicht kaufen, aber auch nicht unbedingt meiden. Gleiches gilt fürs Noise Cancelling. Die Stärken dieser Kopfhörer liegen in der durchdachten, angenehmen Bedienung, sowie einigen Nebendisziplinen wie Regenwetterbeständigkeit, Akkulaufzeit und Telefoniefunktion. Für mich ist der Jabra Elite 85h ein rundum solider Kopfhörer ohne echte Schwächen – allerdings auch nicht gut genug, um Sony und Bose richtig gefährlich zu werden.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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