iPhone X: Das Review der nächsten Ära Apples

Dominik Bärlocher
Zürich, am 19.11.2017
Apple hat mit dem iPhone X einen grossen Coup gelandet. Lange ist es her, dass ein Smartphone solche Wellen geworfen hat. Lange ist es her, dass ich so viel über ein Smartphone zu sagen hatte. Denn das neunte iPhone mit der Nummer zehn macht vieles neu, richtig, falsch, seltsam, gut und schlecht.

Schweren Herzen lege ich das Apple iPhone X auf mein Pult. Vor wenigen Sekunden hat es das letzte Mal angezeigt, dass mir irgendwer aus der Firma eine Mail geschrieben hat. Der Test ist vorbei. Aus. Fertig. Schade. Zeit, ein Review zu schreiben. Denn zum iPhone X gibt es endlich etwas zu sagen. Wo das iPhone 7 und das iPhone 8 lediglich Upgrades waren und nichts wirklich Neues auf den Tisch gebracht haben, macht das iPhone X einiges mehr her. Gut, schlecht, neu, alt, das iPhone X hat alles.

iPhone X (256GB, Space Gray, 5.80", Single SIM, 12Mpx, 4G)
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Goodbye, Home Button. Ich werd dich nicht vermissen

Ich arbeite wieder mit einem Android-Phone. Das LG V30, wenn du es genau wissen willst. Eines der ersten Dinge, die mir während der Nutzung des neuen Phones aufgefallen ist, war, dass mich der Home Button ankotzt. So richtig. Nach dem Test des iPhone X fühlt sich das drücken des bekloppten Knopfes – ob jetzt Hard oder Soft Key ist egal – steinzeitlich blöd an. Denn die Designer um CEO Tim Cook und Chef-Designer Jony Ive bei Apple haben auf dem iPhone X den Knopf in die ewigen Jagdgründe geschickt. Und das ist sehr gut so.

Es ist unheimlich einfach und fühlt sich nach etwa dreisekündiger Umgewöhnung natürlicher an als jedes blöde Rumgedrücke. Es mag zwar nur etwas Kleines sein, das Apple da geändert hat, aber die Arbeit mit dem Phone ist wesentlich entspannter und fliesst mehr. Das wäre mir aber vor dem iPhone X nie aufgefallen, weil einfach jedes Phone einen Home Button oder ein Äquivalent hatte. Ich mag auch, dass der Swipe-Up mehr einem Wegschnippen und nicht einem Wegwischen gleicht, also musst du nicht weit wischen, damit die Home-Funktion aktiv wird.

Kurz: Wenn du dir Sorgen um den Home Button beim neuen iPhone machst, dann mach dir keine Sorgen. Apple hat sich das gut überlegt und sehr gut umgesetzt. Einzig nerviger Punkt ist, dass irgendwer bei Apple gedacht haben muss, dass Nutzer den Swipe-Up vergessen. Denn am unteren Bildschirmrand ist mehr oder weniger immer, manchmal auch über Videos, ein Balken eingeblendet, der dich an den Home Button erinnert. Weg damit! Das Teil nervt nur.

Der fette Rahmen auf den Bildern

Wenn das laufende Smartphone-Jahr etwas gezeigt hat, dann dass Ränder out sind. Apples Konkurrent Samsung hat mit seiner randlosen Achterserie Phones geliefert, die recht futuristisch wirken. Das iPhone X kommt als Brocken daher. Wo die Konkurrenz eine gewissen Leichtigkeit ins Design bringt, wenn sie auf Ränder verzichtet, setzt Apple auf wuchtig und hat dem iPhone X vergleichsweise fette Bezels verpasst.

Kein Home Button? Kein Problem
Kein Home Button? Kein Problem

Die Ränder werden nicht kleiner, auch mit der Benutzung des Phones nicht. Der wuchtige Anblick des Natels wird durch das für die Grösse des Geräts recht hohe Gewicht bestärkt. Dazu auch noch der breite Notch, also die Einbuchtung für die Kamera und Sensoren oben am Display. Das hätte besser gelöst werden können. Dazu steht auch im krassen Gegensatz die Werbung für das Gerät, die Leichtigkeit verspricht.

*Essential PH-1**: Das Phone, das nie langweilig wirdVideo
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Der breite Notch ist dabei aber weniger ein Problem. Notifications sind unter iOS ohnehin nicht so wichtig, weil die Icons der Apps die Notifikationen gleich einblenden. Also brauchst du in der obersten Bildschirmzeile nur einige wenige Statusmeldungen. Beim Essential PH-1 war der Notch wesentlich kleiner, hat aber öfter gestört. Apps sind oder waren einfach noch nicht für Notches optimiert.

*True Black** – Stromsparen auf kleiner Flamme
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Da das iPhone X einen OLED-Bildschirm verbaut hat, habe ich mir überlegt, dass ein Hintergrundbild mit viel True Black, also HEX #000000 wohl ziemlich cool aussehen könnte. Tut es. Die fetten Ränder und der Notch scheinen mit dem Bildschirm zu verschmelzen und so kriegst du die Illusion eines randlosen Displays hin, das sogar noch so wirkt als ob Hardware nahtlos in Software übergeht.

Ein Designfehler? Oder die merkwürdigste Absicht des Jahres

Das Hardware Design mit Notch und Bezels mag Geschmackssache sein, aber eins ist einfach seltsam: Der Kamerabuckel. Im Unboxing habe ich den Buckel noch gelobt. Ein Statement sei er. Schick aussehen tue er auch. Nach dem Test kann ich sagen, dass das zwar richtig ist, aber das Konstrukt mit dem weit hervorstehenden Buckel höchst seltsam ist.

Das iPhone X wackelt, wenn es auf dem Tisch liegt. Wenn ich es mit dem Bildschirm nach oben auf den Tisch lege, dann ist der Kamerabuckel in der linken oberen Ecke. Wenn ich auf die rechte obere Ecke drücke oder tippe, dann wackelt das ganze Phone auf der Achse links-oben/rechts-unten. Hat das keiner getestet? Bei jedem anderen Smartphone im laufenden Jahr klappt das eben auf dem Tisch liegen, mit oder ohne Buckel. Sogar das iPhone 7 auf meinem Tisch kriegt das hin. Warum also nicht das Teil, das als nächste Generation des Smartphones gehandelt wird?

Das iPhone X liegt nie eben auf einem Tisch und wackelt immer
Das iPhone X liegt nie eben auf einem Tisch und wackelt immer

Zudem ist eine Kante spürbar. Wenn das iPhone X so wie oben beschrieben auf dem Tisch liegt, dann steht die rechte Längskante merklich hervor. Die Linke aber nicht. Das ist auch beim Modell von Kollege Lorenz Keller vom Blick so. Wenn das nur bei unseren beiden Phones so ist, und bei deinem nicht, dann lass es mich im Kommentar wissen.

Warum das iPhone X trotzdem nichts für mich ist

Ich mag das iPhone, würde es mir aber nie kaufen. Warum? Es ist nicht der horrend hohe Preis, der den Ausschlag gibt, sondern die Software. Auf Apples Geräten läuft Software, die so mehr oder weniger halboffen ist. Zudem unternimmt der Gigant aus Cupertino dann und wann wieder aktive Versuche, der Konkurrenz auf ihren Betriebssystemen den Erfolg so schwierig wie möglich zu machen. Es hat sieben Jahre gedauert, bis Apple Tastaturen von Drittherstellern auf iPhones erlaubt hat und sie sind heute noch Müll. Auf Android nutze ich SwiftKey, eine Tastatur, die sich durch Machine Learning deinen Schreibstil angewöhnt. Zudem kannst du ihr Schweizerdeutsch beibringen und auch dort mit etwas vorausschauendem Tippen rechnen. Auf iOS ist das Teil nahe an der Unbrauchbarkeit und scheint den Nutzer zu Schreibfehlern zu ermutigen. Automatische Abstände nach Satzende? Fehlanzeige. Gross- und Kleinschreibung scheint auch nicht immer so gut zu funktionieren. Aber das merkst du nur, wenn du wie ich auf korrekte Schreibweise in WhatsApp und anderen Messengern achtest.

Die Sache mit der Tastatur ist aber nur Symptom der harten Restriktionen, die Apple seinen Nutzern auferlegt. Ich bin Bastler. Ich mag es, hier was zu ändern, da was anzupassen. Auf meinen Android Phones sieht bereits nach wenigen Tagen kaum mehr etwas so aus, wie es aus der Kiste gekommen ist. Vor allem ändere ich aber eins: Die Geschwindigkeit. Als berufsbedingter Power User von Smartphones bin ich recht schnell im Umgang mit den handflächengrossen Rechenmaschinen. Okay, ich tippe niemals so schnell wie Digital Marketing Manager Sandro Hostettler, aber ich schätze es, wenn ein Long Press nicht 400 Millisekunden, sondern nur 200 dauert. Ich will meine Icons nahe der unteren rechten Ecke gruppiert haben, da dort mein Daumen ist.

Gähnende Leere unten rechts, wo ich gerne meine Icons habe
Gähnende Leere unten rechts, wo ich gerne meine Icons habe

Ich bin Tüftler und einer, der gerne mal alle Einstellungen verändert, weil er kann. Bei Apple kann ich das oft nicht, oder nicht in einem Ausmass, dass mir iOS gefallen würde. Icons zu gross, zu wenig effektive Nutzfläche auf dem Display, keine Einstellungen, mit denen ich das beeinflussen könnte.

So ist die Benutzung des iPhones nach kurzer Zeit langweilig. Nicht im Sinne, dass ich das Gerät weglegen will. Sondern das Gerät funktioniert einfach. Du kannst dein Phone aus der Packung nehmen und nie irgendwelche Settings ansehen oder ändern und du wirst in etwa das selbe Erlebnis haben wie jemand, der jede Einstellung einzeln angesehen hat. Das iPhone funktioniert einfach. Verlässlich, langlebig und gut. Es macht einfach keinen Spass.

Wenn das spassigste an einem Smartphone Bildeffekte sind, die nach zwei Tagen ihren «Hui, wie lässig weil neu»-Faktor verloren haben, dann ist mir das Teil zu langweilig. Besagte Bildeffekte haben übrigens kein Live Preview, also ist es immer eine Überraschung, was da rauskommt.

Das Phone ohne Grenzen, weil du da gar nicht hinkommst

Das iPhone X ist eines der ersten Phones, die mit Apples neuem Chipsatz, dem A11 Bionic, ausgestattet sind. Das System-on-a-Chip (SoC) kommt mit sechs Cores daher. Das ist etwas unüblich, da die Anzahl Prozessorkerne in der Regel der gängigen Computerzahlenfolge 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, … folgt. Das tut der Leistung aber keinen Abbruch. Im Gegenteil. Der A11 Bionic ist extrem leistungsfähig, ohne gross am Akku zu zehren.

Im normalen Alltagsgebrauch wirst du nichts tun, das den A11 an seine Leistungsgrenze bringen wird. Kein Game, keine App, kein Datentransfer wird das Ding beeindrucken. Im Gegenteil. Das Gefühl, das dir vom Bionic gegeben wird, ist immer eines von «Ja eh, easy, ich hab’s im Griff».

Das heisst nicht, dass es da draussen nichts gibt, dass das iPhone X an seine Grenzen bringen kann. Einmal hat sich das Ding spontan neu gestartet, Gründe unbekannt. Sonst aber lässt Apple es nicht zu, dass du das Phone an seine Grenzen bringen kannst. Schade. Gut. Irgendwie beides, aber keins von beidem so richtig. Mir kommt der Verdacht, dass Apple mit irgendwas daherkommen wird, das massiv mehr Leistung braucht, als iOS es im Moment tut. Dieses Etwas wird mit dem iPhone funktionieren und Apple plant jetzt schon voraus und macht das Phone, das in seiner billigsten Ausführung etwa so viel kostet wie 499.58 Flaschen Chopfab drüben bei Galaxus, zukunftssicher.

Mir wird das iPhone X fehlen. Nicht, weil es das beste Phone aller Zeiten oder das Smartphone meiner Träume ist. Sondern weil es alles, was es tut, sehr gut und verlässlich macht. Es ist ein solider Partner im Alltag, der gut aussieht und viel leistet. Es kostet idiotisch viel, leistet viel und hält lange durch. Es macht vieles neu, vergisst seine Wurzeln nicht. Ich mag es, weil es zeigt, dass es halt doch immer noch anders geht. Dass es doch noch Neues gibt, das mit dem Konzept «Rechteck mit abgerundeten Ecken» ausprobiert werden kann und nicht einfach nur nettes Gimmick ist.

Wenn du ein neues iPhone willst, dann überspring das iPhone 8 und geh zum X.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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