Essential PH-1: Das Phone, das nie langweilig wird

Das Essential PH-1 sei der neue Standard der Mobiltelefonie, verspricht der Hersteller. Doch hält die Firma, die von Android-Mitbegründer Andy Rubin gegründet wurde, was sie verspricht? Ich habe Antworten.

In meinem First Look, für den ich mehr oder weniger als Recherche eine Kiste aufgemacht habe, rede ich von Metall und Plastik. Das ist so nicht richtig. Die Ränder des Essential PH-1 sind aus Titan und die Rückseite aus gehärtetem Keramik. Das ist wichtig. Weil wenn ich dem Phone eines nicht absprechen will, kann oder jemals werde, dann dass das Essential extrem gut in der Hand liegt.

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PH-1 (128GB, Black Moon, 5.71", Single SIM, 13Mpx)
Essential PH-1 (128GB, Black Moon, 5.71", Single SIM, 13Mpx)

Dank des umwerfenden Full Displays, das von Kante zu Kante geht, gibt es nun endlich auch ein Gerät mit grossem Display, das bequem in der Hand liegt.

Es ist lange her, dass ich ein Phone mit mir herumgetragen habe, das mir jedes Mal so viel Freude gemacht hat, wenn ich es in die Hand genommen habe. Bei den meisten Testgeräten vergeht diese Freude wieder, aber das Essential wird nie langweilig anzufassen. Es ist eine Mischung aus Material und Industriedesign, die das ausmacht. Das Titan ist immer angenehm kühl-lauwarm, die Keramik ist immer so auf Zimmertemperatur. Die Ränder vermitteln das Gefühl, dass ich wirklich etwas Starkes, etwas Wohlüberlegtes und etwas Edles in der Hand halte.

Apropos, ich weiss nicht, ob du das schon weisst, aber ich brauchte viel zu lange, bis ich das geschnallt habe: Der Name des Phones ist ein Wortspiel.

  • PH-1
  • PH-One
  • Phone

Tut nichts zur Sache, aber ich schätze gute Wortspiele.

Die unbesiegbare Software, mit einer Ausnahme

Auf dem Essential PH-1 läuft zu weiten Teilen Stock Android, also die reine Version Androids, die von Google zur Verfügung gestellt wird. Mit einer Ausnahme, zu der ich gleich komme. Im Gesamtüberblick hat sich Essential im Kontext ihres PH-1s wirklich nur auf essentielle Dinge beschränkt. Schnickschnack suche ich vergebens.

Das ist dahingehend nett, als so die ganze Rechenpower des Phones auf wenig Software verwendet wird. Das heisst, dass ich als User dem Phone weit mehr zumuten kann als anderen. So kann ein Hersteller theoretisch – Nokia macht das mit seinen neuen Phones gut vor – auf weniger starke Prozessoren und weniger RAM setzen, ohne die Geschwindigkeit des Natelszu beeinträchtigen.

Das PH-1 spart aber nicht an der Hardware. Mit einem Snapdragon-835er-Prozessor und 4GB RAM, gepaart mit der schlanken Software, hält es einiges aus. Ich würde sogar sagen, dass es zum aktuellen Zeitpunkt der Smartphone-Entwicklung, also im späten Oktober 2017, alles aushält, was ich dem Ding anwerfen kann. Es wird nie langsam, Ladezeiten sind, wenn überhaupt von Auge feststellbar, extrem kurz. Die Benutzung des Phones im Alltag macht, genau wie der Akt des Anfassens, viel Freude.

Die Crux mit der Kamera

Bis hier ist ja noch alles gut. Dann probiere ich die Kamera aus. Ich habe schon von der internationalen Presse gehört, dass die Kamera Müll sein soll. «Kann ja nicht sein», habe ich mir gedacht, weil mit einer 13MP Dual-Cam hinten kann es gar nicht sein, dass die Schrott ist. Vor allem auch darum nicht, weil alles andere am PH-1 bis ins Letzte durchdacht, präzis genau geplant und verbaut wurde. Warum sollte Andy Rubins Firma bei der Kamera sparen?

Die ersten Fotos mit dem Essential PH-1 sind wirklich nicht beeindruckend. Warum? Das passt so gar nicht zum Rest des Geräts. CPU, RAM und Software sind stark und schlank gehalten, der Code so optimiert, dass der 3040mAh-Akku geradesogut ewig halten könnte. Was stimmt hier nicht?

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Redaktionsmaskottchen Horny mit dem Essential PH-1 aufgenommen
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Horny mit dem Samsung Galaxy Note 8

Für Hochinteressierte: hochaufgelöste Bilder

Das Problem liegt nicht in der Kamera. Das Problem ist die Kamera-App. Essential hat eine eigene Kamera-App entwickelt. Wohl darum, weil die App auch mit den Add-ons klarkommen soll. Denn auf der Rückseite hat das PH-1 zwei magnetische Konnektoren, mit denen du Module kabellos ans Phone anschliessen kannst. Glücklicherweise hat Essential nicht nur auf dieses Feature gesetzt, denn erfahrungsgemäss hat das Konzept des modularen Smartphones einen etwas schwierigen Stand und bisher noch nie wirklich als Kassenschlager funktioniert. Bisher ist nur ein Add-On bekannt: Eine 360-Grad-Kamera. Es ist dieses Add-On, das die Kamera-App wohl notwendig macht.

Bei Testabschluss am 27. Oktober 2017 ist die Kamera-App auf der Version 0.1.073. Das ist knapp an einer funktionalen Demo vorbei, wenn ich gängige Versionierungskonventionen anschaue. Hätte so nie veröffentlicht werden dürfen, aber ich denke, Essential war scharf auf den Weihnachtsmarkt. Daher hat die App eine Anzahl Macken.

  • Meine Einstellungen werden nicht gespeichert. Jedes Mal, wenn ich die Kamera-App aufmache, muss ich HDR manuell wieder einschalten
  • Die App ist übel langsam. Praktisch nichts geht ohne Wartezeit
  • Bilder abspeichern dauert ewig, also etwa zwei Sekunden, und es ist immer so
  • Die App stürzt selten ab, aber sie stürzt ab

Mist, oder?

Nicht ganz. Weil hier wird es wieder seltsam. Wenn du Videos aufnehmen willst, dann ist die Kamera wieder vergleichsweise gut. Nach wie vor steht sie hinter anderen Flaggschiffen zurück, aber die Videoaufnahmefunktion funktioniert gut.

Hier ein Video mit dem Essential PH-1 und unserem Maskottchen.

Hier der selbe Shot noch einmal zum Vergleich mit der Sony a7s ii und einem 24-70mm-Objektiv.

Klar, der Vergleich hinkt arg, weil ich mehr oder weniger eine Kartoffel mit einem Rolls Royce vergleiche, aber du siehst, was ich meine. Das Essential-Video ist eigentlich ganz okay. Als kleiner Bonus: Horny ist mal vom Skateboard gefallen.

Warum du das Phone trotzdem nicht abschreiben solltest

So, wir kommen so langsam zum Ende. Aber bei «alles gut, ausser Kamera» will es nicht belassen. Denn Essential hat im Laufe der Testphase wiederholt bewiesen, dass die Entwicklung ihrer Software noch im Gange ist. Beim Aufsetzen habe ich 90 Minuten damit verbracht, Updates und Upgrades einzuspielen und während dem Test kam immer mal wieder ein Bugfix oder etwas Ähnliches rein.

Denn das Problem ist nicht die Hardware. Das Kameraproblem ist, so weit feststellbar, ein reines Software-Problem. Und Software kann Updates und Upgrades bekommen. Meine Hoffnung liegt also darin, dass Essential sich weiterhin der Kamera-App annimmt und schon sehr bald eine gute Version der App ausrollt. Bis dahin habe ich einen passablen Workaround gefunden: Die Google Camera, denn Android ist immer noch Android und daher herrscht kein App-Zwang.

Alles in allem gehört das Essential Phone in Punkto Handling und Hardware zu den besten Phones des Jahres, hinterlässt aber einen etwas bitteren Nachgeschmack wegen der Kamera-App.

Aber Essential, als neuer Hersteller auf dem Markt, legt ordentlich vor. Wenn Essential so weiter macht, dann ist der Markt um einen Anbieter von gut designten, eleganten Phones reicher und die Konkurrenz hat jemanden mehr, wegen dem sie sich Sorgen machen müssen.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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