«Forza Horizon 5» im Test: Wenig Neues, aber noch genauso spassig

«Forza Horizon 5» im Test: Wenig Neues, aber noch genauso spassig

Philipp Rüegg
Zürich, am 04.11.2021

Zeit, alle Verkehrsregeln und Physikgesetze zu missachten: «Forza Horizon 5» ist da und bietet wieder eine spektakuläre Openworld mit unzähligen verrückten Events. Neu ist das nicht, Spass macht es trotzdem.

Wenn du mit einem Flugzeug um die Wette rast, Battle Royale mit Rennwagen spielst oder mit einem bunt geschmückten Paradenwagen über eine Klippe springst, dann kann das nur eines bedeuten: Ein neues «Forza Horizon» ist da. Auch im fünften Teil der Openworld-Rennserie stehen Spass und Abwechslung im Vordergrund. Mit über 500 Fahrzeugen, 11 verschiedenen Biomen, der grössten Spielwelt in einem «Horizon» und vielen neuen Events gibt es wieder mehr als genug zu tun.

Fast zu viel des Guten

Auf das landschaftlich eher zahme England aus Teil vier folgt mit Mexiko eine vielfältigere Flora. Von weissen Sandstränden über dicht bewaldete Dschungelgebiete bis zu Kakteen übersäten Dünen ist alles vorhanden. Mitten drin findet das Horizon-Festival statt – eine Kreuzung aus X-Games, Red Bull und MTV. Übermotivierte Organisatoren und hibbelige Radio-DJs versuchen mir dabei um jeden Preis die Wichtigkeit und Coolness des Events zu verklickern. Ich hämmere dabei mit jedem Satz nur stärker und verzweifelter auf meinem Controller rum, weil es keine Möglichkeit gibt, das Gebrabbel zu überspringen. Immerhin die Radiomoderatoren lassen sich deaktivieren. Ich muss aber eingestehen, dass das ganze Pseudospektakel mit Feuerwerken, Bühnenshows und die überdrehter Stimmung tatsächlich dafür sorgen, dass etwas Festival-Stimmung aufkommt. Über ein Hintergrundrauschen wie Sascha Ruefers Fussballkomentaren kommen die Erzähler nicht hinaus. Dafür nerven sie auch weniger.

Leute mit Fomo sind hier fehl am Platz.
Leute mit Fomo sind hier fehl am Platz.

Entscheidend zum Festivalfeeling trägt bei, dass es in «Forza Horizon 5» unfassbar viel zu tun gibt. Die Karte füllt sich je länger du spielst mit immer mehr Events oder Beschäftigungen, denen du nachgehen kannst. Es gibt Sprint-Rennen, Langstrecken-Rennen, Drift-Events, Geschwindigkeits--Herausforderungen, Weitsprung-PR-Stunts, Meisterschaften und und und. Für noch mehr Abwechslung sorgen die Story-Events, die sich meist um irgendwelche besonderen Fahrzeuge drehen. Mal fährst du mit einem alten VW-Käfer oder Vocho, wie er in Mexiko genannt wird, einen Vulkan herunter, mal rast du mit einem riesigen Offroad-Truck durch den Dschungel.

Es gibt so viel zu tun, dass das Spiel bei mir regelrechte «Civilization»-Züge auslöst. Nur noch ein Rennen, ok noch kurz durch die Radarfalle fahren. Ok, noch schnell eine Scheune finden, um ein neues Fahrzeug freizuschalten. Nur noch ein paar XP sammeln, um das Fahrzeug aufzuleveln. Es nimmt kein Ende. Aber anders als in «Assassin’s Creed» stresst mich das Überangebot nicht. Ich fühle mich nicht genötigt, alles zu machen. Das scheint auch fast nicht möglich. Stattdessen mache ich einfach, worauf ich gerade Lust habe.

Lust habe ich besonders, möglichst viele der über 500 Fahrzeuge auszuprobieren. Von der Familienkutsche Volvo 850 R, über den 30er-Jahre Bentley-Edelschlitten bis zum Aston-Martin-Valhalla-Konzept-Auto lässt es die Herzen von Autofans höher schlagen. Dabei beschränkt sich die Auswahl grösstenteils auf leistungsstarke Modelle bekannter Hersteller. Dem Wunsch der Fans nach etwas mehr Alltagskarossen wurde nicht nachgekommen. Die Karren werden dir dabei regelrecht nachgeworfen. Nach praktisch jedem Rennen, jeder Challenge oder jedem Drehen des Glücksrads vergrössert sich deine Garage. Das nimmt dem Ganzen etwas das Besondere, andererseits sind bestimmte legendäre Fahrzeuge so selten oder so teuer, dass genug Anreize zum Weiterspielen bleiben.

Das Fahrzeugangebot lässt kaum Wünsche offen.
Das Fahrzeugangebot lässt kaum Wünsche offen.

Das immense Unterhaltungsangebot wiederspiegelt sich auch in den Menüs. Die sind zwar nicht mehr ganz so unübersichtlich wie im letzten Teil, aber ich fühl mich dennoch ähnlich erschlagen wie bei einem Free-to-Play-Mobile-Game. Auf der Autoshow kannst du Autos kaufen, im Auktionshaus wieder verscherbeln. Car Packs bieten kostenpflichtige Autosets. Der Car Pass informiert, wann neue Fahrzeuge hinzukommen. Beim Glücksrad gibt es Fahrzeuge und Outfits zu gewinnen. Saisonale Events bieten durch das Absolvieren bestimmter Herausforderungen exklusive Fahrzeuge. Im Creative Hub kannst du eigene Events erstellen und Multiplayer-Events warten darauf, dass du dich mit anderen Spielern misst. Nur schon beim Durchscrollen bekomme ich ADHS. Es ist Zeugnis dafür, wie gross die Angebotsvielfalt in «Forza Horizon 5» ist und zeigt gleichzeitig, dass es kaum Möglich ist, das alles einigermassen übersichtlich zu präsentieren.

Freiheit und Abwechslung werden grossgeschrieben

«Forza Horizon 5» besticht aber nicht nur durch ein wahnwitziges Angebot an Fahrzeugen und Events. Was mich einmal mehr beeindruckt, sind die spielerischen Freiheiten. Ich kann mich auf der riesigen Spielwelt nach Lust und Laune austoben. Ein bisschen die Passstrasse runterdriften mit dem Nissan 370Z, dann mit dem Strandbuggy über die Dünen springen und zum Abschluss mit Bleifuss im Lamborghini Centenario ein Sprint-Rennen absolvieren. Bei den meisten Rennen kannst du frei wählen, welches Fahrzeug du nimmst und ob du gegen computergesteuerte Driveatars, andere Spieler oder lieber co-op antrittst.

Bei alledem kannst du nicht nur den Schwierigkeitsgrad der Driveatars anpassen, die sich aus Fahrprofilen deiner Freunde und anderer Spieler zusammensetzen. Du kannst auch das Fahrverhalten der Fahrzeuge beeinflussen, indem du verschiedene Fahrhilfen, wie Bremsunterstützung, Spurführung oder Ideallinie deaktivierst. Das gaukelt dir ein bisschen Simulation im Arcade-Racer vor. Selbst auf der schwierigsten Stufe wird «Forza Horizon 5» nämlich nicht realistisch. Dazu fehlen die entsprechenden Strecken, Renntypen, Physik– und Schadensmodelle. «Forza Horizon 5» war und ist aber seit jeher ein Arcade-Racer, wo der Spass im Vordergrund steht. Wer mehr Realismus wil,l greift zur «Forza Motorsport»-Reihe.

Zusätzlich kann jedes Fahrzeug individuell und vor jedem Rennen getunt werden. Neu ist das verbesserte Upgrade-System. Das lässt nun deutlich mehr Freiheiten zu, sodass du deinen tiefergelegten Strassenflitzer sogar zum Offroader ummodeln kannst. Besser als eine dedizierte Dschungelkatze mit mannshohen Reifen wird das Gefährt damit nicht, aber du hast immerhin besser Chancen als mit Slicks und fünf Zentimeter Bodenabstand.

Multiplayer

Neben den normalen Rennen, die du auch gegen menschliche Spieler bestreiten kannst, gibt es eine Reihe neuer Multiplayer-Modi. «The Eliminator», ein Battle-Royale-Modus mit Autos, gab es schon im vierten Teil. «Playground Games» mit Zombie-Modus oder «Flag Rush». Oder der in unregelmässigen Abständen aufpoppende Arcade-Mode, wo ein gemeinsames Ziel verfolgt wird. Leider konnte ich während dem Review-Zeitraum keine Matches finden und diese Modi deshalb auch nicht testen.

Das «FIFA» der Rennspiele?

Bei all dem Lob muss auch gesagt werden, dass du die Neuerungen an einer Hand abzählen kannst. Primär hat die Location gewechselt und neue Fahrzeuge sind hinzugekommen. Selbst grafisch haut mich «Forza Horizon 5» nicht mehr aus den Socken. Natürlich sehen die Autos wieder ultra realistisch aus und die Landschaft ist zum Anbeissen schön, aber das war sie bereits im letzten Teil.

Es könnte auch «Forza Horizon 4» sein.
Es könnte auch «Forza Horizon 4» sein.

Spielerisch hat sich abgesehen von ein paar neuen Events auch nicht sonderlich viel getan. Du fährst deine Rennen, ab und zu gibt es Showcase Events, die besonders ausgefallen sind und du suchst Scheunen mit zu restaurierenden Oldtimern. Mir kommen dabei unweigerlich Parallelen zu einer bekannten Sport-Serie in den Sinn. Ganz zum «FIFA» der Rennspiele verkommt «Forza Horizon 5» dann aber doch nicht. Dafür fehlt der jährliche Release und der Sammelkarten-Teil mit Pay-to-Win-Komponente.

Fazit: Was soll ich sagen? Es macht einfach Spass

Mit 300 Sachen über Blumenfelder pflügen, vorbei an historischen Pyramiden, unentwegt der untergehenden Sonne entgegen. Gleichzeitig schnellt am oberen Bildschirmrand frenetisch der XP-Zähler in die Höhe für Luftsprünge, Beinahecrashes und das Plattmachen von Zäunen und Kakteen. Das ist «Forza Horizon 5»: Schnell, opulent und immer ein bisschen überdreht.

Die Spielwelt, die Fahrzeugauswahl und das Angebot an Beschäftigungen sind gigantisch. Viel Neues im Vergleich zum Vorgänger ist zwar nicht dabei, aber wie heisst es so schön? «If it ain’t broke, don’t fix it», wenn es nicht kaputt ist, flicke es nicht. Das möchtegern coole und übertriebene Festival-Gelaber geht mir etwas auf den Zeiger. Könnte ich meinem Fahrer nicht ein Hühnerkostüm anziehen und mich vom Spiel «El Pollo Diablo» nennen lassen, hätte ich es wohl nie so lange mit «Forza Horizon 5» ausgehalten. Wer den letzten Teil noch nicht gespielt hat und an Englands Landschaften gefallen findet, kann aber genauso gut zuerst den Vorgänger spielen.

«Forza Horizon 5» ist verfügbar für PC, Xbox One und Xbox Series S/X und wurde uns von Microsoft zur Verfügung gestellt.

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Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur. 


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