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Die 5 oder 6 seltsamsten Produkte der IFA Berlin

Dominik Bärlocher
Zürich, am 06.09.2017
Die Hallen in der Station Berlin sind gefüllt mit Herstellern aus Shenzhen China, die Einblick in eine Welt hinter den glamourösen Produkten gibt. Wir haben das zum Anlass genommen, die fünf seltsamsten Produkte der IFA zusammen zu tragen.

Die Hallen der Station Berlin sind weit vom Messegelände der IFA entfernt. Dort haben sich Firmen aus Shenzhen für die Woche eingenistet, die sich keinen Glamour an der Messe Berlin leisten können oder wollen. Dafür aber kommt bei unserer Ankunft ein Kleinbus eines chinesischen Restaurants an und verteilt Menüs in Alufolientellern an die Standbetreiber.

Ich und Videoproducerin Stephanie Tresch gehen mit hohen Erwartungen in die Hallen. Wir erwarten eine Welt voller Seltsamkeiten, High-Tech gemischt mit Radioempfänger, und ganz vielen Dingen, die die Welt nicht braucht.

Die Realität ist etwas langweiliger. Klar, da und dort sind Kuriositäten zu finden, die von Menschen in Anzügen und ernstem Gesicht jedem präsentiert werden, der nur zwei Sekunden lang etwas anschaut, aber im Grossen Ganzen dominieren Imitate und Staubsauger das Bild. China hat entweder ein Staubproblem oder meint, der Westen habe eins. Dennoch, wir haben in den Hallen der IFA und denen der Global Markets in der Station Berlin, an der IFA von der Presse und Standbetreibern salopp «die Chinahallen» genannt, gefunden.

Der Robotron Massagekragen

Okay, der Name Robotron des Herstellers Shenzhen Spatz Global ist etwas unglücklich gewählt. Keine andere Firma aus Shenzhen, China, hat ein Produkt im Angebot, das mehr wie ein Bösewicht aus einem Cartoon der 1980er-Jahre klingt. Doch ein Produkt des Herstellers hat es uns angetan: Der Massagekragen.

Das Konstrukt sieht so aus, als ob es dich in den nächsten fünf Minuten ermorden würde, ist aber recht clever. Die Armschlingen sind dazu da, das Gerät auf dem oberen Rücken oder dem Genick zu fixieren. Dann drehen sechs Kugeln im Innern des Kragens ihre Runden.

Robotron, wir feiern euch! Kein anderes Produkt rockt die IFA so hart wie eures. Stephanie und ich leben mittlerweile nur noch von Koffein und eisernem Durchhaltewillen. Der Test des Robotrons war eine Wohltat für Körper und Seele. Wir sind uns einig: Die Welt verdient Robotron-Massagen.

Das Bluetooth-Reisekissen

China, hör bitte nie auf, grössartig zu sein. Stephanie und ich sind immer mal wieder auf Achse für unseren Job. Barcelona hier, dann London, Berlin, nochmal London, nochmal Berlin. Travel Hacking, also die Optimierung unserer Reisemethoden, ist einer der Aspekte unserer Arbeit, die keiner sieht. Welche Schuhe sind die besten, um schnellstmöglich durch den Security Check zu kommen, welcher Hoodie ist der bequemste für den Flug.

Wir wissen über die Nackenhörner, die zu horrenden Preisen am Flughafen verkauft werden, Bescheid. Aber eben, horrende Preise. Shenzhen eilt zur Rettung. Der Hersteller mit dem klingenden Namen Shenzhen Seekas Technology Co.,Ltd stellt Bluetooth-Textilien her. Besonders angetan hat es mir ein Nackenhörnchen mit Kapuze und integrierten Bluetooth-Speakern. Vor allem die Kapuze ist nett, denn dann kann ich mir etwas über die Augen ziehen.

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Grossartige Idee

Ich bin mir fast sicher, dass die Bluetooth-Kopfhörer Schrott sind, aber das Vorhandensein von Kabelkanälen ist doch recht nett, damit ich meine eigenen Headphones ins Kissen einziehen kann.

Seekas ist auch Disney-zertifizierter Hersteller. Keine Ahnung, was das heisst, aber es macht die ganze Sache nicht wenig kurioser.

Der Android Smart Mirror

In den Chinahallen hätten wir Ungaren nicht erwartet. Doch nach dem initialen Kontakt stellt sich schnell heraus, dass die zwei Ungaren die Generalvertreter eines chinesischen Unternehmens in Shenzhen sind. Sie haben irgendwelche seltsamen Bildschirme im Angebot, darunter ein Android-Tablet mit 32 Zoll Bilddiagonale. Ah ja. Brauchen wir.

In der Mitte des Standes steht ein Spiegel, der ebenfalls mit Android betrieben ist. Nur Version 5.1, aber immerhin. Aktuell ist übrigens 8. Der Spiegel könne Informationen und Werbung einblenden, sagt uns ein Herr am Stand. Weil offensichtlich brauchen die Menschen Werbung beim Zähneputzen. «Ah, übrigens. Da ist keine Kamera im Tablet verbaut, der Spiegel kann gut im Bad verwendet werden», sagt der Mann im Anzug. Gut zu wissen.

Dennoch, Stephanie will etwas aktuellere Software und einen Spiegel der kleiner als ein Quadratmeter ist. Sie gibt mir den Auftrag, einen zu bauen. Kann ja nicht so schwer sein.

Die Haarföhn-Kapuze

Schade, dass wir die Clatronic Profi Care PC-HTH 3003 nicht anfassen dürfen. Uns ist schon ein kurzer Dreh mit lustiger Haube auf dem Kopf, die uns die Haare föhnt vorgeschwebt. Aber das sei erst ein Prototyp und das einzige Modell an der Messe, lässt ein Mann im Anzug uns am Stand wissen. Daher dürfen wir alle Zusätze, Aufsätze und Föhneinheiten anfassen, nicht aber die Haube.

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Leider untestbar: Die Clatronic Profi Care PC-HTH 3003

Tja. Schade. Wir freuen uns darauf, dass wir in zehn Jahren mit Föhnhaube in der Wohnung vor dem Fernseher sitzen und uns die Haare trocknen werden. Und den Bart. Hoffentlich hat das Teil auch in der Kinngegend Blaslöcher.

Das Fitnessstudio fürs Kinn

Das Patentrezept für die Beseitigung eines Doppelkinns heisst in der Regel: Mehr Sport. Dann trägst du weniger Fett mit dir rum, das am Kinn hängen könnte und voilà.

Der britische Beauty-Produkte-Hersteller Rio ist da anderer Meinung, ganz egal, was die Medizin dazu sagt. Die Lösung gegen ein Doppelkinn sei eine Maschine, die aussieht, als ob sie aus einem Science-Fiction-Film der 1950er-Jahre stammt. Zwei Kugeln werden auf die Haut gedrückt. So schliesst sich ein Stromkreis, Muskeln zucken zusammen und werden so gestärkt. Das Resultat: straffere Muskeln, strafferes Kinn.

Der Lift Plus 60 Second Face Lift basiert auf der selben Technologie, die Sportartikelhersteller wie Compex, die sich auf Muskelstimulatoren spezialisiert haben, verwenden. Nach dem Auftragen eines Gels auf dem Kinn, macht Stephanie Tresch den Test. «Zu Beginn fühlt es sich an, als ob mich irgendetwas ganz schnell gegen das Kinn stupst», sagt sie. Fast wie ein vibrieren.

Dann wird sie ambitioniert. Sie dreht das Gerät voll auf. Maximale Straffung des Kinns? «Ich fühle das bis in die Zähne», sagt sie mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht. Sie hält nich lange durch und das straffe Kinn innerhalb 60 Sekunden entschwindet in weite Ferne. «Aua! Das waren ja Stromschläge», sagt sie.

Endlich! Fernbedienung trifft auf Tastatur

Hast du dich noch nie drüber geärgert, dass deine Tastatur für den PC nicht auch noch deinen Fernseher bedienen kann? Da schafft der Hersteller Thomson Abhilfe mit der Thomson ROC3506 und behebt ein Problem, das vor der Einführung des Produkts noch keinem aufgefallen ist.

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Drei Druckpunkte zum Erfolg? Wir werden sehen

Die Tastatur kommt mit mindestens drei verschiedenen Knopf-Typen.

  1. Eine normale Membran-Tastatur, um zu tippen
  2. Gummiknöpfe mit nicht wirklich definiertem Druckpunkt für authentisches Fernbedienungs-Feeling
  3. Klickende Knöpfe. Weil Gründe

Sogar einen Netflix-Knopf hat die Tastaturfernbedienung. Und ein Trackpad. Und ein LCD-Display direkt aus den 1970ern. Es gibt wahrscheinlich einen guten Grund, warum die Geräte noch nicht zueinander gefunden haben.

Übrigens: Die Thomson ROC3506 ist nur mit LG-Fernsehern kompatibel. Warum auch immer.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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