Skybound Interactive
Kritik

Der beste Superheld bekommt ein Game – wie gut ist «Invincible VS»?

Das erste grosse Game im «Invincible»-Universum ist ein brutaler 3v3-Tag-Fighter. Trotz solidem Fundament und viel Liebe zum Detail überzeugt das Endprodukt nicht ganz.

«Der beste Superhelden-Comic des Universums» – so lautet die Behauptung der Comicbuchreihe «Invincible» (2003 bis 2018). Ich bin erst mit der Amazon-Serienadaption (ab 2021) eingestiegen, würde diese steile These aber sofort unterschreiben. «Invincible» ist für mich das beste Superhelden-Franchise überhaupt. Besser als alles, was Marvel, DC Comics und wie sie alle heissen, bieten. Mehr noch: Die Serie gehört zum Besten, was ich je im TV gesehen habe.

Im Gaming-Bereich sah es für den Superhelden Mark Grayson bisher eher mau aus. Eine kurze Visual Novel («Atom Eve») und ein lauwarmer Free-to-Play-Ableger für Mobile («Invincible: Guarding the Globe») – für mehr hat's nicht gereicht.

Mit «Invincible VS» erscheint nun das erste «richtige» Game im «Invincible»-Universum. Ich verrate dir, ob das Superhelden-Spiel auch wirklich super ist.

Drei gegen Drei

«Invincible VS» ist ein 3v3-Tag-Fighter vom neu gegründeten Entwicklerstudio Quarter Up. Dort arbeiten viele kreative Köpfe, die bereits das grandiose Revival von «Killer Instinct» (2013) verantwortet haben. Fighting-Game-Fans können sich über ein ähnliches Spielprinzip in «Invincible VS» freuen.

Ich prügle mich nicht nur mit einem Charakter, sondern wähle für ein Match drei Kämpferinnen oder Kämpfer für mein Team aus. Jede Spielfigur hat einen eigenen Kampfstil. So sind etwa Monster Girl und Battle Beast wuchtige Killermaschinen, die zwar langsam, dafür umso brutaler vorgehen. Cecil und Rex Splode sind auf den Fernkampf spezialisierte Fighter, die meine Gegner mit nervigen Projektilen in den Wahnsinn treiben (ich lieb's). Und Invincible selbst ist ein ultraschneller und ausbalancierter Charakter, der in den meisten Kampfsituationen gut zurechtkommt.

Während der Kämpfe tritt jeweils eine meiner Spielfiguren gegen einen Gegner an. Ich kann meine Teammitglieder jederzeit ein- und auswechseln. Sind sie auf der Ersatzbank, heilen sie langsam ihre Wunden.

Das Ein- und Auswechseln der Charaktere kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Das Ein- und Auswechseln der Charaktere kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Combos nehmen eine zentrale Rolle im Kampfsystem ein. Theoretisch kann ich einen Gegner mit nur einer langen, verheerenden Combo killen. Prügle ich jedoch hirnlos drauflos, fülle ich mein Combo-Meter vorschnell und die Combo endet frühzeitig. Möchte ich länger auf den Feind einprügeln, muss ich verschiedene Angriffsarten (Light, Medium, Heavy, Special) kombinieren – und während meines Angriffes Fighter von der Ersatzbank für brutale Tag-Angriffe einwechseln.

Aber Achtung – der Gegner kann meine Tag-Angriffe abwehren oder sogar eine Konter-Combo starten. Seinen Konter kann ich wiederum kontern, und so weiter.

Zum richtigen Zeitpunkt taggen und weiter prügeln – herrlich befriedigend.
Zum richtigen Zeitpunkt taggen und weiter prügeln – herrlich befriedigend.

Es sind diese Mindgames, dieses ständige Hin und Her, die den Spielfluss eines «Invincible»-Matches spannend machen. Für Fighting-Game-Noobs wie mich kann das Combo-System aber auch frustrierend sein – vor allem, wenn mir irgendein Psycho (lieb gemeint) online mit einer unendlich langen Combo, aus der ich nicht ausbrechen kann, den Superheldenarsch versohlt.

Kurzum: «Invincible VS» bietet eine ausgeklügelte Kampfmechanik und ist definitiv kein Fighting-Game für Anfänger. Wenn du sonst nicht viele Prügelspiele zockst, wirst du viel Zeit im Tutorial- und Trainingsmodus verbringen müssen, um gegen die Online-Community zu bestehen. Und selbst dann solltest du dich auf viele frustrierende Matches einstellen. Git gud, oder so.

Das Tutorial fällt sehr knapp aus, erfüllt aber seinen Zweck.
Das Tutorial fällt sehr knapp aus, erfüllt aber seinen Zweck.

Blut, so viel Blut!

Bei erfolgreichen Angriffen (und wenn ich Schaden erleide) füllen sich bis zu fünf Super-Leisten am unteren Bildschirmrand. Mit einer vollen Leiste löse ich starke Super-Angriffe aus, die der Gegner während der Ausführung nicht unterbrechen kann.

Spare ich drei Leisten, kann ich einen verheerenden Ultimate-Angriff starten. Der kostet meinen Gegner nicht nur extrem viel Lebensenergie, sondern ist auch herrlich brutal animiert. Freu dich auf literweise Blut und Superhelden-Innereien.

Falls es bisher noch nicht klar wurde: «Invincible VS» ist ein übertrieben brutales Game. Gegenüber der ohnehin schon blutrünstigen Vorlage wird die Gewalt noch weiter aufgedreht. Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so viel Blut, Gedärme, Hirnmasse und herumfliegende Köpfe in einem Videospiel gesehen habe.

Dies als Warnung für alle, die den roten Lebenssaft nicht so gut vertragen. Oder als Kaufargument für alle Sickos da draussen, die sich an brutalen Finishern gar nicht sattsehen können (dazu zähle ich auch mich).

Battle Beast leckt sich die Schnauze ab und geniesst den blutigen Geschmack seines Sieges.
Battle Beast leckt sich die Schnauze ab und geniesst den blutigen Geschmack seines Sieges.

Singleplayer mau, online okay

Meine Kampfkünste stelle ich wahlweise offline oder online zur Schau. Leider hat «Invincible VS» für Singleplayer wenig Fleisch am Knochen.

Den Story-Modus habe ich in etwas mehr als einer Stunde durchgespielt. Die Zwischensequenzen sind zwar alle schön animiert und erinnern an den Animationsstil der «Spider-Verse»-Filme. Die Geschichte, die diese Sequenzen mit den Prügeleinlagen verbindet, wirkt jedoch wie eine unspektakuläre Füller-Episode. Besonders ärgerlich: Sie endet mit einem doofen Cliffhanger.

Die Cutscenes sind hübsch umgesetzt.
Die Cutscenes sind hübsch umgesetzt.

Ja, es ist cool, nach dem sensationellen Finale von Staffel vier (die bisher beste Staffel!) noch einmal Zeit mit diesen tollen Figuren zu verbringen. Aber es fühlt sich an, als würde da noch unheimlich viel ungenutztes Potenzial schlummern.

Immerhin ist die eigens für das Spiel kreierte Heldin mit elementaren Superkräften, Ella Mental (ich liebe diese dummen Wortspiele), eine gelungene Überraschung. Ich hoffe sehr, dass ich die feurige/windige/eisige/erdige Kämpferin auch in der TV-Serie sehen werde.

Ella, Ella, e-e-e-e...
Ella, Ella, e-e-e-e...

Neben dem Story-Modus kann ich mein Offline-Können auch in einem rudimentären Arcade-Modus testen. Dort trete ich in verschiedenen Kategorien gegen bis zu zwölf gegnerische Teams nacheinander an. Als Belohnung winken kurze Outro-Sequenzen für meine Team-Kapitäne und freischaltbare Inhalte wie Konzeptzeichnungen oder kosmetische Items für mein Profil.

Nett. Nicht mehr, nicht weniger.

Mein Profil werte ich mit Bildern, Zitaten und Rahmen auf.
Mein Profil werte ich mit Bildern, Zitaten und Rahmen auf.

Online kann ich mich in einem Ranked- und Casual-Modus sowie in Custom Lobbys austoben. Die Online-Prügelei (inklusive Rollback Netcode) funktioniert einwandfrei. Nur in einem Kampf erlebe ich unerklärliche Probleme und ein unangenehmes Stottern, das das Match zu einer Glückspartie verkommen lässt.

Ein Problem gibt es jedoch: Zahlreiche Spielerinnen und Spieler haben sich bereits während der Beta-Phase über die vielen Ragequitter beschwert. Zum Launch scheint sich die Lage nicht beruhigt zu haben. Auch ich erlebe Gegner, die kurz vor einer Niederlage verschwinden. Das ist ärgerlich, weil mein Sieg so nicht gezählt wird.

  • Meinung

    Ragequit! «Saros» ist knallhart, diese Games sind noch viel schlimmer

    von Domagoj Belancic

Zu viele Viltrumiten?

Die Charakterauswahl sieht auf den ersten Blick gelungen aus. «Invincible VS» startet mit 18 Kämpferinnen und Kämpfern. In der Praxis überzeugt mich der Roster aber nicht. Wieso braucht es zum Start gleich fünf schwebende Viltrumiten? Wo bleiben die zahlreichen coolen Schurken von der Erde? Wo sind die spannenden Deep-Cuts, die «Invincible»-Nerds feiern würden? Einzig der GDP-Direktor Cecil (wer hätte gedacht, dass der Typ kämpfen kann) und die zuvor erwähnte Ella Mental stechen als unerwartete Überraschungen positiv hervor.

  • Allen the Alien
  • Anissa
  • Atom Eve
  • Battle Beast
  • Bulletproof
  • Cecil
  • Conquest
  • Dupli-Kate
  • Ella Mental
  • Invincible
  • Lucan
  • Monster Girl
  • Omni-Man
  • Powerplex
  • Rex Splode
  • Robot
  • Thula
  • Titan
Die Auswahl könnte besser sein.
Die Auswahl könnte besser sein.

Ebenfalls schade finde ich, dass nicht alle Charaktere von den Original-Synchronsprechern vertont werden. Die Ersatzsprecher überzeugen nicht alle. Allen the Alien hört sich definitiv nicht wie Seth Rogen an. Den Invincible-Ersatz habe ich beim Spielen tatsächlich mit Steven Yeun verwechselt.

Immerhin ist der unverwechselbare JK Simmons als Omni-Man am Start.

Die Stages überzeugen mit schicken Effekten – im Spielverlauf werden sie durch die Kämpfe nach und nach zerstört. Schade, gibt es nicht mehr Levels.
Die Stages überzeugen mit schicken Effekten – im Spielverlauf werden sie durch die Kämpfe nach und nach zerstört. Schade, gibt es nicht mehr Levels.

Einen faden Beigeschmack hinterlässt die aktuelle Monetarisierungsstrategie. «Invincible VS» kostet rund 50 Franken oder Euro, die Deluxe-Version etwa 70. In dieser sind künftige Roster-Erweiterungen enthalten – im Sommer stossen beispielsweise The Immortal und Universa dazu.

Nicht enthalten sind zahlreiche kosmetische Skins, die zum Start als DLC verkauft werden. Zehn Franken für einen Oben-Ohne-Conquest-Skin? Hackt’s?!

Bei aller Liebe zu Conquest. Nein.
Bei aller Liebe zu Conquest. Nein.

Oder wie wäre es mit einem halb nackten Rex Splode mit Badetuch (langsam erkenne ich ein Muster bei den Skins)? Zugegeben, die Tagline «there's nothing MICRO about this transaction» ist verdammt gut und vom Humor her sehr on brand. Aber auch hier: zehn Franken für so was? Ich will mir solche absurden Skins mit Skills verdienen und nicht kaufen.

Trotz aller Kritik möchte ich an dieser Stelle festhalten, dass «Invincible VS» keinesfalls ein minimalistischer und seelenloser Cashgrab ist. Im Gegenteil. Ich bin mir sicher, dass die Jungs und Mädels von Quarter Up alle riesengrosse «Invincible»-Nerds sind. Das wird mir immer wieder vor Augen geführt.

Ein Beispiel: Beim Einlauf in die Arena begrüssen sich die zwei ersten Kämpfer des Teams. Dabei klopfen sie nicht nur irgendwelche generischen Sprüche, sondern gehen spezifisch auf ihren Gegner ein, oft mit einem Verweis auf ein Ereignis aus dem Buch oder der Serie. Ganz grosses Kino. Auch die freischaltbaren Inhalte sind voller Easter Eggs und Verweise auf das «Invincible»-Universum.

Schade nur, fühlt sich das Game mit seinen Limitationen nicht so ambitioniert an, wie es ein Franchise wie «Invincible» verdient hätte. Die Liebe zum Ausgangsmaterial und die gelungenen Tag-Fighting-Mechaniken bilden ein solides Fundament. Dem Haus auf diesem Fundament fehlt es aber an Abwechslung und Inhalten.

«Invincible VS» ist gut, aber hätte viel besser sein können.
«Invincible VS» ist gut, aber hätte viel besser sein können.

«Invincible VS» ist erhältlich für PS5, Xbox Series X/S und PC. Das Spiel wurde mir zu Testzwecken von Skybound Interactive für die PS5 zur Verfügung gestellt.

Fazit

«Invincible»-Fans können zugreifen – auch wenn das Potenzial nicht voll genutzt wird

«Invincible VS» ist ein gelungener 3v3-Tag-Fighter. Das brutale und schnelle Kampfsystem überzeugt mit einer präzisen Steuerung und strategischer Tiefe. Die audiovisuelle Präsentation gefällt mir ebenfalls – man merkt, dass hier richtige «Invincible»-Fans am Werk waren. Inhaltlich enttäuscht das Spiel mit mageren Singleplayer-Inhalten, einer suboptimalen Charakterauswahl und fragwürdigen DLC-Inhalten.

Wie viel dir der brutale 3v3-Tag-Fighter gibt, hängt von deiner Fan-Liebe und Genrepräferenzen ab.

Magst du «Invincible» und Fighting-Games? Dann wirst du «Invincible VS» lieben. Das Game ist für DICH gemacht – rechne zu meiner Bewertung noch einen Stern dazu.

Bist du «Invincible»-Fan, aber Prügelspiele sind nicht so deins? Dann solltest du dir den Kauf genau überlegen – vor allem, weil es nur wenige spannende Offline-Inhalte gibt.

Du kennst «Invincible» nicht, magst aber kompetitive Prügelspiele? Dann werden dich die ausgeklügelten Tag-Mechaniken und die gelungene Steuerung auch ohne Lore-Vorwissen an den Controller fesseln.

Pro

  • gelungene audiovisuelle Adaption der «Invincible»-Welt
  • Ella Mental ist klasse
  • schnelles, brutales, strategisches 3v3-Tag-Fighter-Gameplay

Contra

  • magerer Umfang (Charaktere, Modi, Schauplätze)
  • enttäuschende DLC-Praktik
  • viel ungenutztes Potenzial
  • nicht alle Originalsprecher dabei
Skybound Invincible VS (PS5, DE)
Game
−7%
Neu
CHF41.70 statt CHF44.70

Skybound Invincible VS

PS5, DE

Titelbild: Skybound Interactive

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Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.


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