

Call me Daddy: «Yakuza Kiwami 3 & Dark Ties» im Test
Okinawa-Idylle, Yakuza-Intrigen und ein Waisenhaus namens «Morning Glory» – «Yakuza Kiwami 3 & Dark Ties» hat starke Momente, leidet aber an lahmen Nebenquests und fragwürdigen Entscheidungen.
Ich bin zurück in Kamurucho. Die ersten Schritte in dem fiktiven Tokioter Stadtteil fühlen sich ein bisschen wie Heimkommen an. Ich weiss, wo die Arcade-Halle zu finden ist, in welcher Strasse ich dem Pfandhändler meinen Schrott verkaufen kann und wo sich die hippsten Bars verstecken (Champion District). Kamurucho ist mehr als nur der Schauplatz der meisten «Yakuza»-Games: Der Ort ist genauso ein Charakter wie der Protagonist Kazuma Kiryu und damit vielleicht das prägendste Element in Segas langlebiger Adventure-Serie.
Mein Ausflug in die Metropole ist allerdings erstmal von kurzer Dauer: Kiryu ist auf Abschieds-Tournee. Nach allem, was in den vorhergehenden drei Teilen passiert ist (eine rund 60-minütige Zusammenfassung bringt dich à jour), findet der Ex-Gangster «Fuck that Shit» und siedelt um nach Ryukyu auf Okinawa.
Okinawa ist Japans südlichste Präfektur. Die mittelgrosse Insel liegt rund 600 Kilometer vom Festland entfernt und Kiryu erhofft sich hier einen Neuanfang. Gemeinsam mit seiner Adoptivtochter Haruka schmeisst er am Strand ein Waisenhaus namens «Morning Glory».
«Morning Glory» ist übrigens Slang für diesen Begriff, weshalb ich jedes Mal wie ein Achtjähriger kichern muss, wenn der Name fällt. Vielleicht ging das den Entwicklern damals durch die Lappen, aber gemessen daran, wie horny die «Yakuza»-Games traditionell sind, würde ich nicht darauf wetten.
«What’s the story, morning glory»
Kiryus ruhiges Inselleben ist vorbei, bevor es überhaupt anfängt. Verschiedene Interessengruppen wollen das Stück Land, auf dem das Morning Glory-Waisenhaus (immer noch lustig) steht. Schnell wird klar, dass die Akteure dahinter mit seinem alten Leben verbandelt sind. Kurz danach greift «Yakuza Kiwami 3 & Dark Ties» auf dieselben Plot-Elemente zurück, die schon die Teile 0 - 2 dominierten: Politik, Machtgeplänkel innerhalb verschiedener Yakuza-Familien und ganz viel Drama.
Kompetent erzählt, unterm Strich aber business as usual.

Quelle: Sega
Das Waisenhaus liefert dazu einen willkommenen Gegenpol. Fürs Remake wurde dieses um einen komplett neuen Spielmodus erweitert. Game-Director Ryosuke Horii bezeichnet «Life at Morning Glory», so dessen Name, als emotionalen Kern von «Kiwami 3». Und damit hat er recht.
Das RGG Studio liefert hier nichts Geringeres als eine Life-Sim. Ich kann Gemüse anpflanzen, verschiedene Nutz- und Haustiere kaufen, fischen, kochen, mit meinen Schützlingen Brettspiele spielen oder ihnen bei den Hausaufgaben helfen.

Quelle: Sega
Meistens passiert das in Form eines Microgames à la «Wario Ware». Die Geschicklichkeitstests dauern selten länger als eine Minute und sind auch nach der zwölften Wiederholung noch ein spassiger Zeitvertreib.
Je besser sich Kiryu um die Bedürfnisse des Waisenhauses und der Kids kümmert, desto höher steigt sein «Daddy Rank». Der Daddy Rank ist mein neuer Lieblingsgradmesser. Ich will fortan nur noch Games spielen, die mir einen Daddy Rank geben.

Quelle: Sega
Das japanische «GTA»?
Als die Serie vor rund 20 Jahren in den Westen kam, meinte ein Tester, dass «Yakuza» das fernöstliche Äquivalent zu «Grand Theft Auto» sei. Das schrieben dann alle ab, weshalb sich bis heute der hartnäckige Irrtum hält, dass sich das Crime-Drama spielt wie Rockstars Blockbuster.
Das ist Quatsch.
Bei beiden Games geht es um das organisierte Verbrechen und das Setting dafür ist eine Grossstadt. Damit hat es sich aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.
Die langlebige Franchise ist ihr eigenes Ding. Am ehesten lässt sich «Shenmue» als Vergleich heranziehen, aber auch das ist ziemlich reduktiv. «Yakuza» ist ein Semi-Open-World-Action-RPG. Die Welt ist vergleichsweise klein, dafür bis zum Rand mit Leben, Atmosphäre und verschwenderisch vielen Sidequests gefüllt.

Quelle: Sega
Wenn Kiryu nicht gerade den ausufernden Monologen seiner Freunde und Feinde zuhört, gibt er anderen aufs Maul. Diese passiert in Form eines arcadelastigen Brawlers. Du kannst decken, dodgen und auf eine umfassende Auswahl an Combos zurückgreifen, die mittels Skilltree erweitert werden.
Das Kampfsystem hat das RGG Studio für das Remake komplett überarbeitet. Die Originalversion von «Yakuza 3» legte ich damals nach einigen Stunden frustriert zur Seite, weil mich die ständig blockenden Gegner so genervt haben. Hier funktioniert das Backpfeifen-Verteilen problemlos.
Das liegt nicht zuletzt am neuen Kampfstil, den Kiryu spendiert bekommt. Der Ryukyu-Style greift auf traditionelle okinawesische … okinawid … oniki … fuck it: Waffen aus Okinawa zurück. Darunter Nunchucks und das Eku, das eigentlich ein Bootsruder ist. Das erweiterte Arsenal fühlt sich gut an und bringt Abwechslung.
Zwei Städte, unendliche Probleme
Die zuvor erwähnten Sidequests, «Substories» genannt, sind mehr als nur eine Möglichkeit für zusätzliche Kohle und eine Handvoll Erfahrungspunkte. Die Aufgaben, die meistens von den Bewohnern Kamuruchos, respektive Ryukyu, an mich herangetragen werden, sind in sich geschlossene, oftmals komplett absurde Skits, die den sonst eher düsteren Plot kompensieren.

Quelle: Sega
Zumindest war das bis anhin so. In «Kiwami 3» sind die kleinen Geschichten überraschend seicht geraten. Zudem enden neun von zehn damit, dass ich jemanden verprügle, was die Sache zusätzlich monoton macht.
Dies steht im krassen Gegensatz zu den vorhergehenden und nachfolgenden Teilen. In «Yakuza Zero» habe ich einer Domina gezeigt, wie sie ihre Klienten bestrafen soll, und konnte beim Bowling ein Huhn gewinnen, das hinterher als Manager von meinem Immobilien-Side Hustle tätig war. Und nein, ich hatte keinen Schlaganfall beim Schreiben dieses Satzes. In Kamurucho ist das einfach ein normaler Dienstag.

Quelle: Sega
Diese Art von Wahnsinn fehlt «Kiwami 3», bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Nur selten blitzt die frühere Kreativität durch. Etwa wenn Kiryu zum Anführer einer Girl-Bikergang auserkoren wird. Oder wenn sein Hund sein Schmuddelheft klaut.
Aber vielleicht macht das die Zusatzkampagne ja besser?
Perspektivenwechsel
«Yakuza Kiwami 3 & Dark Ties» ist mehr als ein Remake – das verrät bereits der Titel: «Dark Ties» ist der Name eines komplett neuen Spielmodus, in dem du Yoshitaka Mines kriminellen Werdegang erlebst.

Quelle: Sega
Mine ist der Hauptantagonist von «Kiwami 3» und ein hervorragender Bösewicht. Er hat Stil, Prinzipien und ist zu jedem Zeitpunkt die schlauste Person im Raum. Sein Aufstieg in den Reihen der Yakuza passiert unter den Fittichen von Tsuyoshi Kanda, einem Nebenwidersacher von Kiryu und zweifellos dem widerwärtigsten «Yakuza»-Charakter ever. Sowohl in Kiryus als auch in Mines Storyline wird Kanda in der ersten Szene als Vergewaltiger etabliert.
Die Geschichte von Mine konzentriert sich auf die Zusammenarbeit mit Kanda. Die wichtigste Komponente davon ist ein Subgame namens «Kanda Damage Control». Hier erledigst du verschiedene Aufträge, die Kandas Namen reinwaschen. Es gibt einen Roguelike-Dungeon (sehr toll), Kopfgeldjagd (mässig toll) und hirntote Fetch-Quests (die langweiligsten seit der Vanilla-Version von «World of Warcraft»).
Letztere sind pure Zeitverschwendung: Kamuruchos Bewohner können offenbar nicht mal selbst die Strasse überqueren und verlangen von mir, dass ich ihnen Bento-Boxen, Kaffee oder Sake bringe. Oder ich soll Katzen finden. Ganze drei Mal, einfach in verschiedenen Farben.
Der eher dröge Content ist aber nicht mein grösstes Problem mit Mines Kampagne.
Muss das sein?
Vielleicht bin ich übersensibel, aber «PR für einen Vergewaltiger» als zentrales Spielelement find’ ich schwierig. Vor allem im Kontext der Voice-Actor-Kontroverse, die den Release von «Yakuza Kiwami 3» begleitet.

Quelle: Sega
Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber die Kurzfassung ist, dass Goh Hamazaki, ein weiterer Gegner Kiryus, von Teruyuki Kagawa vertont wird. Kagawa verlor im Jahr 2022 nahezu alle seine Moderations- und Schauspieljobs, nachdem bekannt geworden war, dass er sich sowohl sexuell als auch körperlich an zwei Frauen vergangen hatte.
RGG Studio hält an Kagawa fest, obwohl sie Jahre zuvor einen Synchronsprecher wegen eines weitaus weniger schlimmen Delikts (Drogenkonsum) vor die Türe stellten.
Sexuelle Gewalt taucht als Plotdevice in mehreren «Yakuza»-Games auf. Genau genommen ist es der Auftakt von Kiryus Geschichte, aber noch nie war dessen Implementierung so ungeschickt wie in «Kiwami 3».
RGG Studios auf Abwegen?
Du darfst gerne argumentieren, dass Kanda/Kagawa «Ich-Probleme» sind – fair enough. Die Fehlgriffe des RGG Studios und Publisher Sega haben sich zuletzt aber gehäuft: «Like a Dragon: Infinite Wealth» verschloss den New Game+-Modus hinter einer Paywall, die Remastered Version von «Yakuza 3» ist nach dem Release von «Kiwami 3» nur noch im Bundle (für rund 100 Franken) erhältlich und die Recastings von beliebten Charakteren haben zuletzt viel Goodwill mit den Fans verspielt.

Quelle: Sega
Im Oktober 2021 verliess Toshihiro Nagoshi, der Schöpfer der Serie, Sega, um sein eigenes Studio zu eröffnen. Zwar sind auch hinterher noch sehr gute «Yakuza»- und «Like a Dragon»-Games erschienen, aber es fühlt sich an, als wäre mit seinem Weggang etwas an Magie verloren gegangen.
Ist «Yakuza Kiwami 3 & Dark Ties» trotzdem ein gutes Spiel?
In meinen rund 35 Stunden, in denen ich beide Kampagnen durchgespielt habe, hatte ich oft Spass. Sowohl Kiryu als auch Mine sind starke Protagonisten. Beide Stories haben mich gefesselt, auch wenn sie nichts grundlegend neu machen.
«Life at Morning Glory» ist zudem eine sehr herzige Erweiterung und die Dungeon-Crawls gefielen mir ebenfalls.
Aber: Den Substories fehlt es an Biss und Charme, das Potenzial der neuen Location wird nur bedingt genutzt und «Dark Ties» ist nicht viel mehr als ein «Yakuza Light». Wäre Mine nicht so unterhaltsam, hätte der Zusatzmodus kaum Daseinsberechtigung.

Quelle: Sega
Mir fehlt ausserdem die Balance. Ein Grund, warum die «Yakuza»-Serie zu meinen liebsten Franchises gehört, ist der Mix aus Drama und Humor. Letzteres kommt hier klar zu kurz.
«Yakuza Kiwami 3 & Dark Ties» ist ab dem 12. Februar erhältlich – für PS5, Xbox Series X/S, PC und Nintendo Switch 2. Ich habe die PS5-Pro-Version getestet, die mir von Sega zur Verfügung gestellt wurde.
Fazit
Gestolpert, aber nicht gestürzt
Ich verfluche unser 5-Punkte-System gerade ein bisschen. «Yakuza Kiwami 3 & Dark Ties» ist nämlich ein klassisches 7/10-Game. Das Gerüst ist solide, die Geschichte packend und der Sidecontent grosszügig.
Aber was nützen mir 100 Sidequests, wenn 90% davon todlangweilig sind? Wieso wird Okinawa nicht besser ausgereizt? Warum konzentriert sich «Dark Ties» gefühlt mehr auf Kanda als auf Mine? Schlussendlich bleibt deshalb eine kleine Enttäuschung und die Frage, ob die RGG Studios wieder auf den richtigen Weg kommen.
Ich will es hoffen.
Pro
- Kamurucho bleibt faszinierend
- zwei Stories mit Kiryu und Mine
- flottes Kampfsystem
- das Morning Glory-Waisenhaus
- Daddy Rank
Contra
- unaufgeregter Soundtrack
- lahme Substories
- fragwürdige Besetzung
- mit rund 35 Stunden Spielzeit eher kurz für ein «Yakuza»-Game

In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.
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