Hintergrund

Breggz Zohn-1: Klingt gut, aber ich kann ihn nicht empfehlen

David Lee
8.5.2026
Bilder: David Lee

Der In-Ear-Kopfhörer Breggz Zohn-1 soll Massstäbe beim Sound setzen. In dem Punkt liefert er auch ab. Doch die Bedienung funktioniert so schlecht, dass ich mich frage, ob das Gerät kaputt ist.

Breggz ist eine kleine Firma, der Zohn-1 ihr bislang einziges Produkt. Er ist direkt beim Hersteller erhältlich und kostet derzeit 499 Euro. Das ist viel, aber deutlich weniger, als Breggz ursprünglich dafür haben wollte.

Gegründet hat Breggz der niederländische Sänger Xander de Buisonjé. Als kleines Startup gegen die Grossen zu bestehen, ist nicht einfach: Mega-Konzerne wie Sony haben ein üppiges Entwicklungsbudget, eigene Fabriken und Massenproduktion, die die Stückzahlen verbilligen. Sie haben jahrzehntelange Erfahrung damit, Produkte auf den Markt zu bringen und zu vertreiben. Die Bekanntheit der Marke sorgt automatisch für Aufmerksamkeit. Kurz: Fast alles spricht für die Grossen und fast nichts für die Kleinen.

Schon das Ladecase ist speziell

Dies gilt umso mehr, wenn man neue Wege beschreiten will. Und Breggz will das. Der In-Ear-Kopfhörer soll Musik völlig unverfälscht und mit allen Details wiedergeben. Ursprünglich hätten die Kopfhörer sogar auf die individuelle Ohrform angepasst werden sollen – diese Möglichkeit gibt es aber zur Zeit nicht.

Schon das Ladecase mit seiner sechseckigen Form und dem Klappmechanismus ist einzigartig. Es wird von beiden Seiten gleichzeitig auseinandergezogen. Beim Öffnen verbinden sich die Kopfhörer automatisch mit dem gekoppelten Gerät und beim Schliessen wird die Verbindung gekappt.

Ein extravagantes Gehäuse.
Ein extravagantes Gehäuse.

Die beiden Kopfhörer werden durch Magnete am Ladekontakt befestigt. Dort halten sie sehr gut und sind trotzdem leicht herauszunehmen. Schwierig ist es dagegen, die Kopfhörer an die Halterung anzubringen. Es gibt nur eine einzige Stellung, in der das klappt, die beiden Kopfhörer dürfen nicht vertauscht werden und müssen in unterschiedlichen Positionen eingerastet werden. Breggz hat im Benutzerhandbuch die Eselsbrücke «left is low» vermerkt. Aber da weder im Case noch auf den Kopfhörern links und rechts beschriftet sind, klappt es trotzdem selten auf Anhieb.

Kein ANC, aber gute Abschirmung

Die Kopfhörer passen ergonomisch in die Ohrmuschel, wo sie nicht weit hervorstehen und Lärm gut abschirmen. Die Abdichtung gegen Umgebungslärm kommt aber primär von den Silikonaufsätzen. Von denen liefert Breggz sechs verschiedene Grössen mit. Ich habe enge Gehörgänge, bei denen oft selbst die kleinsten Aufsätze nicht passen. Durch die grosse Auswahl an Aufsätzen finden hier auch Leute wie ich etwas Passendes.

Aktives Noise Cancelling hat der Zohn-1 nicht. Die passive Abdämpfung ist jedoch sehr gut. Ich konnte damit problemlos im Grossraumbüro arbeiten, obwohl ich mich durch Lärm recht leicht stören lasse.

Um trotz der Isolation etwas zu verstehen, gibt es den Transparenzmodus. Mikrofone zeichnen den Umgebungslärm auf, der Kopfhörer spielt die Geräusche sogleich ab. Das funktioniert mit kaum hörbarer Verzögerung. Die Lautstärke dieser Geräusche ist in der App stufenlos wählbar. Die Lautstärke ist nicht relativ zur Musiklautstärke, sondern absolut. Auf dem Maximum vernehme ich ein lautes Rauschen und sogar leichte Pfeif- und Zirpgeräusche. Zur dauerhaften Nutzung ist der Transparenzmodus nicht geeignet, denn der Zohn-1 soll ja höchsten Sound-Ansprüchen genügen.

Guter Sound, der sich individuell verbessern lässt

Das tut er auch. Diese In-Ears geben die Musik weitgehend neutral wieder, wie der Hersteller verspricht. Bässe und Höhen werden nicht künstlich angehoben, um irgendwie «krasser» zu klingen. Man kann das aber im Equalizer der App einstellen, wenn man möchte. Der hat auch eine Bass-Boost-Einstellung. Die Kopfhörer sind durchaus fähig, viel Bass und Höhen zu liefern. Von sich aus tun sie es aber nur dann, wenn es die Aufnahme erfordert.

Eine kleine Einschränkung zum Lob: Nach meinem Empfinden ist der Bereich um 4000 Hz leicht überbetont. In diesem Frequenzbereich liegen zum Beispiel die obersten Tasten eines Klaviers. Im Stück «When The Lights Go Down» haut Prince einige Male voll auf eine solche Taste, etwa bei 1:49. Das klingt sehr unangenehm. Auf einem gut abgestimmten Kopfhörer ist das weit weniger ausgeprägt. Ich kann das aber im Equalizer problemlos korrigieren und bin dann mit dem Sound völlig zufrieden.

Die zum Zohn-1 gehörende App kann ein individuelles Hörprofil erstellen. Sie führt dich durch einen Hörtest, der ermittelt, welche Frequenzen du wie laut hörst. Töne über 13 kHz müssen bei mir altersbedingt recht laut sein, damit ich sie noch höre; ab 16 kHz ist es dann ganz vorbei. Mein persönliches Hörprofil verstärkt diese hohen Frequenzen, damit ich sie im Idealfall wieder höre wie ein Jungspund.

Das individuelle Hörprofil verstärkt die Frequenzen, die ich nicht so gut höre.
Das individuelle Hörprofil verstärkt die Frequenzen, die ich nicht so gut höre.

Mit eingeschaltetem «Personal Sound» klingen die Stücke tatsächlich lebendiger. Ich habe schon mehrere solche Klang-Verbesserungen mit individuellen Profilen gehört, etwa bei Nura aber diese hier gefällt mir besonders. Ich höre den Unterschied vor allem bei den Obertönen der Schlagzeugbecken. Bei einer Aufnahme, die hörbar rauscht – zum Beispiel einer Live-Aufnahme oder einer ältere Studioaufnahme – verstärkt sich auch das Rauschen etwas. Doch die Stärke der Optimierung lässt sich stufenlos einstellen. Zudem kannst du den Test wiederholen, wenn du den Eindruck hast, dass das Ergebnis falsch ist.

Die Tonqualität beim Telefonieren ist In-Ear-typisch durchschnittlich. Gute Over-Ears klingen deutlich besser, aber für die kleinen Stöpsel geht das in Ordnung.

Die Bedienung: Ich bin bedient

Neben der Bedienung über das Smartphone lässt sich der Breggz Zohn-1 auf drei weitere Arten steuern: Via Touch-Flächen an beiden Kopfhörern, durch Kopfbewegungen und durch Sprachsteuerung. In der App lässt sich vieles den eigenen Vorlieben anpassen.

Es gibt drei Touch-Flächen pro Kopfhörer, also insgesamt sechs. Die mittlere Fläche lässt sich konfigurieren, wobei zwischen einfachem Tippen, Doppeltippen und Halten unterschieden wird. Noch nicht kompliziert genug? Bitte sehr: Je nachdem, ob du drei, sechs oder neun Sekunden gedrückt hältst, passiert etwas anderes. Ach ja, es gibt auch Wischbewegungen. Im Benutzerhandbuch umfasst die Erklärung der Touch-Bedienung nicht weniger als zehn A4-Seiten.

Ein kleiner Ausschnitt aus der Bedienungsanleitung.
Ein kleiner Ausschnitt aus der Bedienungsanleitung.

Da die ganze Oberseite des Kopfhörers kleiner ist als meine Fingerbeere, ist es nicht so leicht, die Punkte blind zu treffen. Das Konzept scheint mir zu kompliziert für die kleinen Dinger, aber vielleicht würde ich es irgendwann lernen. Ich spreche im Konjunktiv, denn das wird niemals passieren. Der Grund: Die Touch-Flächen reagieren nicht so, wie ich es erwarte. Auch nach dem hundertsten Mal ist mir völlig schleierhaft, warum ich manchmal die mittlere Fläche auslöse und manchmal die obere oder untere. In etwa der Hälfte aller Versuche passiert gar nichts. Eine Wischbewegung schaffe ich nie absichtlich, höchstens ab und zu unabsichtlich. Auch der Doppeltipp ist reine Glückssache. Meine Trefferquote bei den Touch-Befehlen ist selbst nach langem Üben immer noch deprimierend schlecht. Das Ding ist schlicht unbedienbar.

Ich weiss nicht, ob ich ein defektes Gerät habe oder ob das beim Zohn-1 normal ist. Eine Anfrage auf ein Ersatzgerät blieb unbeantwortet. Ebenso die Frage, ob dies ein bekanntes Problem ist.

Bleibt noch, auf Kopfbewegungen und Sprachsteuerung auszuweichen. Hier sieht es besser aus: Die Sprachsteuerung funktioniert problemlos. Ich nutze Sprachsteuerung aber generell ungern. Der Witz von Kopfhörern ist ja, dass ich andere nicht störe. Wenn ich dann jedesmal «Hey PA, Volume Down» sagen muss, um leiser zu stellen, komme ich mir sehr doof vor.

Ähnlich ergeht es mir mit der Bewegungssteuerung. Nicken oder Kopfschütteln kann leicht von der Umgebung falsch interpretiert werden. Zudem sind diese Befehle kaum individualisierbar. Nicken bedeutet immer, einen Anruf anzunehmen. Kopfschütteln bedeutet, einen Anruf abzulehnen oder zum nächsten Stück zu springen. Wenn ich mich beim Kochen erst nach links, dann nach rechts drehe, löse ich versehentlich den Kopfschütteln-Befehl aus.

Fazit: Darauf würde ich mich nicht einlassen

Ginge es nur um den Sound, würde ich die Kopfhörer bedenkenlos empfehlen. Die Geräuschabschirmung ist ebenfalls sehr gut, ein zusätzliches ANC wäre trotzdem nett gewesen. Auch die Ergonomie bekommt von mir gute Noten: Durch die grosse Auswahl an Aufsätzen passen sie selbst in enge Gehörgänge, was bei In-Ears bei mir oft ein Problem ist.

Aber das alles nützt nichts, wenn ich das Gerät nicht richtig bedienen kann. Die Touch-Bedienung ist in der Theorie sehr ausgefeilt, aber auch kompliziert. In meinem Fall war sie schlicht unbrauchbar – das kann aber auch ein Defekt dieses konkreten Exemplars sein. Darum gibt es keine Bewertung. Empfehlen kann ich den Breggz Zohn-1 unter diesen Umständen aber beim besten Willen nicht. So bleibt mal wieder nur die Erkenntnis, dass es die Kleinen im Geschäft wirklich schwer haben.

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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