
Kritik
The Batman ist ein Triumph – ein Meisterwerk!
von Luca Fontana

Nach Drachen, Intrigen und Weltuntergängen erzählt «A Knight of the Seven Kingdoms» wieder von Menschen. Von Staub, Schweiss und Würde. Und von einem Heckenritter, der glaubt, dass Ritterlichkeit mehr ist als Macht.
Keine Sorge: Die folgende Kritik enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «A Knight of the Seven Kingdoms» läuft seit dem 19. Januar auf HBO Max im Wochenrhytmus.
Der blonde Bengel blättert in einem schweren Buch. Er ist zu jung für die Krone, und auch zu grausam für die Macht, die sie ihm verleiht. Vielleicht liest Joffrey Baratheon gerade deshalb sichtlich unbeeindruckt im Buch der Brüder – jenem ehrwürdigen Folianten, in dem die Taten aller Ritter der Königsgarde festgehalten sind. Namen, Schlachten, Heldengeschichten.
Verdichtete Leben zwischen zwei Buchdeckeln.
Joffrey bleibt hängen. «Vier Seiten für Ser Duncan den Grossen», liest er laut. Dann hebt er seinen spöttischen Blick. «Muss ein beeindruckender Mann gewesen sein.» Neben ihm steht Jaime Lannister. Ein Mann, der einen König tötete, um das Reich zu retten – und der dafür bis heute verachtet wird. Er antwortet ruhig, fast gleichgültig: «So sagt man.»

Joffrey blättert weiter. Findet Jaime. Eine Seite, halb gefüllt. Ein schmales Vermächtnis für einen der zwar verachtetsten, aber auch fähigsten Ritter seiner Zeit. Seine rechte Hand wurde ihm in Gefangenschaft abgeschlagen. Er wird wohl nie mehr die Chance bekommen, sich doch noch als würdiger Ritter zu erweisen.
Der Junge grinst. Jaime nicht.
Es ist eine kurze Szene. Beiläufig. Und doch erzählt sie mehr über Westeros als so manch’ epische Schlacht. Denn sie handelt nicht von Macht, sondern von Erinnerung. Davon, wie Geschichte nicht nur urteilt, sondern auch verurteilt, und wie gnadenlos sie dabei vereinfacht.
Hundert Jahre vor diesem Moment ist Ser Duncan der Grosse noch kein Name im Buch. Kein Eintrag. Kein Ritter der Königsgarde. Er ist Dunk. Nur Dunk. Ein Heckenritter ohne Titel, ohne Land und ohne Ruhm. Gross, stark, aufrichtig – und nicht die hellste Kerze auf der Torte. Aber mit einem Traum: ein guter Ritter zu sein, in einer Welt, in der das am schwierigsten ist.
Tatsächlich könnte «A Knight of the Seven Kingdoms» kaum beschissener anfangen. Buchstäblich. Denn am Anfang blickt Dunk bedeutungsschwanger in die Ferne und träumt von grossen Taten. Von Turnieren. Von Ehre und Ruhm. Im Hintergrund schwillt langsam die bekannte «Game of Thrones»-Melodie von Ramin Djawadi an. Sie verspricht Grösse und Pathos. Ja, vielleicht sogar ein episches Schicksal.
Schnitt.
Wieder Dunk. Er lehnt sich gegen einen Baum und scheisst sich gottlos die Seele aus dem Leib. Willkommen zurück in Westeros.

Wer die Novelle noch nicht kennt, merkt spätestens jetzt: Das hier ist nicht das «Game of Thrones» der Königinnen, Lords, Drachen, Zombies und drohenden Weltuntergängen. Das hier ist das Westeros des kleinen Mannes, der sich mehr Sorgen um seinen Magen macht als um sein weltliches Vermächtnis. Auch wenn – Pardon – Dunk natürlich alles andere als klein ist.
Was er aber sehr wohl ist: Jemand, der aus der Gosse von King's Landing stammt, von einem Heckenritter grossgezogen wurde und von ihm vor allem eines gelernt hat: was Ritterlichkeit bedeutet. Nicht Macht. Nicht Status. Sondern Anstand. Ehrlichkeit. Und der Wille, die Schwachen zu schützen – selbst dann, wenn es einem schadet. Und Dunk schadet es sogar ziemlich oft.
Unterkriegen lässt er sich davon nicht. Er weiss zwar, dass diese Welt grausam ist. Er weigert sich nur, sich von ihr formen zu lassen. Als sein Meister stirbt und ihn kurz vorher zum Ritter schlägt, macht sich Dunk nach Aschfurt auf, um an einem grossen Turnier teilzunehmen. Dort will er sich Gold für eine anständige Rüstung, ein richtiges Schwert, Essen und ja, vielleicht sogar etwas Wein verdienen.
Nur – plötzlich hängt sich da ein kahlgeschorenes Kind, Egg, an seinen Rockzipfel. Was es mit dem wohl auf sich hat?
Das vielleicht schönste an «A Knight of the Seven Kingdom» ist, wie einfach es fällt, uns sofort auf Dunks Seite zu schlagen. Kein Wunder: Kaum ein anderer erzählerischer Kniff funktioniert so einfach wie der des Underdogs, der sich gegen alle Widerstände durchschlägt.
Aber so einfach dieser Kniff auch ist: Er funktioniert. Vielleicht, weil «A Knight of the Seven Kingdoms» ihn nicht zynisch bricht oder ironisch kommentiert. Die Serie glaubt an ihren stoisch gutherzigen Protagonisten. Und sie vertraut darauf, dass wir das auch tun.

Das steht ganz im Gegensatz zu späteren «Game of Thrones»-Staffeln und vor allem zum ersten Spin-Off «House of the Dragon». Dort ist fast jede Figur ein unsympathischer Aristokrat mit Agenda. Ja, der Untergang des einst noblen Hauses Targaryen mag interessant sein, der Tanz der Drachen visuell sogar spektakulär. Aber die Spannung verpufft, wenn man nie so recht weiss, auf welche Seite man sich eigentlich schlagen will.
«A Knight of the Seven Kingdoms» macht das Gegenteil und erinnert dabei stark an die frühen Staffeln von «Game of Thrones», wo’s selten um das grosse Ganze ging. Ja, sicher, die White Walker als das alles überschattende Böse wurden gleich in der ersten Szene der Serie eingeführt. Alles danach spielte sich aber viele Staffeln lang meist in kleinen Räumen zwischen einer überschaubaren Anzahl Charaktere ab.
Ein Kammerspiel eben.

Erst später wurde daraus ein Spektakel, immer lauter, grösser und letztlich auch leerer. «A Knight of the Seven Kingdoms» dreht diesen Trend wieder um und legt den Fokus sogar noch mehr auf das gemeine Volk – weit weg vom Adel, der das Spiel der Throne spielt. Stattdessen konzentriert sich alles auf ein einziges, scheinbar unbedeutendes Turnier.
Was dabei auf dem Spiel steht, ist darum kleiner und gerade deshalb brutaler als in jeder anderen Westeros-Serie: Dunk kämpft nicht um ein Reich, sondern um seine Würde. Um das Recht, sich selbst treu zu bleiben in einer Welt, die Anstand als Schwäche liest. Jeder Fehltritt kostet ihn keine politische Macht, sondern Zähne, Knochen, Geld oder seinen Ruf. Und weil Dunk kein adeliges Haus und keinen Titel hat, bedeutet Verlieren hier nicht bloss Niederlage.
Es bedeutet Existenzangst.

Das hat – paradoxerweise – mehr Gewicht als «House of the Dragon». Wieso? Schwer zu sagen. Vielleicht liegt es an dieser Mischung aus Bodenhaftung, frechem Humor und ehrlicher Zuneigung zu den Figuren, die «A Knight of the Seven Kingdoms» so sympathisch und gänzlich anders als alles macht, was «Game of Thrones» bisher war.
Oder vielleicht auch schlicht daran, dass Dunk nicht aufhört, an Ritterlichkeit zu glauben, obwohl sie ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringt.
Dabei hatte ich durchaus meine Zweifel. Nicht an der Geschichte – die ist über jeden Zweifel erhaben, wirklich –, sondern an der Form. Denn diese Staffel adaptiert ausschliesslich die erste von drei «Dunk-&-Egg»-Novellen: «The Hedge Knight». In der deutschsprachigen Ausgabe bringt sie es auf gerade einmal 120 Seiten.
Kein epischer Wälzer, wohl wahr. Aber eine überschaubare, bittersüsse Kurzgeschichte, die mir ein breites Lächeln – und die eine oder andere Träne – geschenkt hat.

Der Showrunner Ira Parker erklärte kürzlich, Buchautor George R. R. Martin halte diese erste Novelle sogar für das Beste, was er je geschrieben habe. Und ja: Da gehe ich mit. Voll und ganz. Gerade weil die Geschichte so fokussiert ist und weiss, was sie erzählen will. Umso grösser war aber die Frage, wie man daraus sechs Episoden à 35 Minuten machen soll, ohne sie zu verwässern oder künstlich aufzublasen.
Die Antwort ist erstaunlich simpel und gleichzeitig ziemlich clever: Statt die Handlung unnötig zu strecken, werden Dunks innere Monologe, die im Buch einen grossen Teil seiner Charakterzeichnung ausmachen, nicht plump vertont oder erklärt. Sie werden in Dialogen ausgesprochen. In Gesprächen mit anderen Figuren. Sogar mit seinen Pferden, wenn’s sein muss. Oder in kurzen, nur sekundenlangen Rückblenden, die an JD’s Tagträumereien aus «Scrubs» erinnern.
Das wirkt nie bemüht. Im Gegenteil. Es fühlt sich natürlich an. Und es hat einen schönen Nebeneffekt: Figuren, die in der Vorlage eher funktional bleiben müssen, weil die 120 Seiten keine ausschweifenden Charakterstudien zulassen, gewinnen plötzlich an Kontur und werden mehr als blosse Stichworte in Dunks Gedankenwelt: Sie werden zu Gegenübern und Reibungsflächen. Auch dadurch wächst Dunk (ich mein’, als ob er’s nötig hätte).

Der Preis dafür ist ein gemächliches Tempo: «A Knight of the Seven Kingdoms» ist keine Serie, in der es Schlag auf Schlag geht. Es gibt nicht in jeder Folge den grossen Knall, der einen zwingt, sofort weiterzuschauen. Wer Spektakel sucht, wird hier erst gegen Ende fündig. Aber das war schon in den frühen Staffeln von «Game of Thrones» nicht anders: Auch dort lebte die Spannung weniger von Ereignissen als von Beziehungen zwischen den Figuren.
Dass die Staffel nur sechs eher kurze Episoden umfasst, verstärkt diesen Eindruck noch. Woche für Woche kann sich das stellenweise etwas zerstückelt anfühlen. Ich glaube ehrlich gesagt, dass die Serie davon profitiert, wenn man sie am Stück schaut – oder zumindest in grösseren Häppchen. Dann wirkt das Ganze geschlossener. Mehr wie das, was es eigentlich ist: eine durchgehende Geschichte, nicht sechs einzelne Events.
Nach all den Drachen, Intrigen und Weltuntergangsszenarien fühlt sich «A Knight of the Seven Kingdoms» fast schon altmodisch an. Darin liegt die Stärke der Serie. Sie will nicht überwältigen. Sie will Nähe schaffen zu ihren Figuren. Ihren Fehlern und ihrem Anstand. Vor allem aber will sie herausfinden, warum jemand trotz allem versucht, ein guter Ritter zu sein.
Dunk ist dabei kein Held im klassischen Sinn. Er rettet nicht die Welt. Er rettet manchmal nicht einmal sich selbst. Aber er glaubt daran, dass Ritterlichkeit mehr ist als Macht und Titel. Oder gar ein Eintrag im Buch der Brüder. Und diese Überzeugung trägt die Serie konsequent und ohne ironische Distanz.
Ob das ein Happy End ergibt? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber es wird ein ehrliches Ende sein, so viel kann ich verraten, ohne etwas vorweg zu nehmen. Eines, das nachhallt, ein bisschen schmerzt, ein bisschen auch nicht, und das gerade deshalb im Gedächtnis bleibt. Denn in dieser Version von Westeros – wenigstens hier – darf ein Ritter noch träumen.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
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