

«Forza Horizon 6» im Test: So fährt Japan!
Das Rennspiel «Forza Horizon 6» spielt in Japan. Einem Land, das sich die Fans seit Jahren als Schauplatz wünschen. Der Druck war riesig, die Entwickler liefern aber sowas von ab.
Vor einigen Jahren habe ich ein paar Wochen freiwillig auf einer Olivenfarm im ländlichen Japan gearbeitet. Mit mir war ein junger, autoverrückter Franzose dort. «Simon, schau! Ein Toyota Supra A80! Und dort ein Skyline R33!», sagte er jeweils, wenn am Strassenrand Autos zum Verkauf bereitstanden, beworben mit bunten Fahnen. An ihn musste ich beim Testen von «Forza Horizon 6» oft denken, so real wirkt dieses Japan, samt bunt beworbener Gebrauchtwagen am Strassenrand.

Dass Playground Games realistische Welten bauen können, haben sie zugenüge bewiesen. Zuletzt waren Australien, Grossbritannien oder Mexiko die Schauplätze für das «Horizon»-Festival. Schöne Welten, gewiss, aber sehr steril und aufgeräumt. Sie wirken wie das Set für einen Werbefilm der lokalen Tourismusbehörde. «Besuchen Sie Mexiko! Hier sind ein paar Pyramiden, eine alte Stadt mit bunten Häusern, eine Schlucht, ein Vulkan und eine Wüste. Und hier ein paar Kunststoffstühle unter einem Sonnenschirm». Das ist unheimlich schön anzusehen. Wirkt aber auch unheimlich und seelenlos.
Die Welten sind um das Game herum gebaut und nicht das Game um die Welt.
In Japan habe ich erstmals das Gefühl, dass Welt und Game symbiotisch einhergehen: Die Welt war schon immer da und hat auf das Game gewartet. Auch bei «Horizon 6» sind die Strassen leergefegt, als befänden wir uns mitten in einer Pandemie, die sich über Abgase und Reifengummi verbreitet. Menschen zu Fuss und Autos vertragen sich nun mal schlecht.
Kunst und Krempel
Ich habe also freie Fahrt durch dieses «Japan Miniature», das realistisch wirkt, weil es nicht auf Hochglanz getrimmt ist. In den kleinen Gässlein von Tokyo stapeln sich vor Restaurants die Kisten. Der Wildzaun am Strassenrand ist rot gezeichnet vom Rost. Und auf dem Vorplatz eines Hauses ist ein Haufen Schotter mit einer Plane abgedeckt, weil man grad den Belag wechselt.


Ausgerechnet Japan, das im Touristenführer gerne als «sauberstes Land der Welt» angepriesen wird, lebt durch dieses Chaos im Kleinen.
Der Weg ist das Ziel
Dabei ist der spielerische Kern fast gleich wie bei allen Horizon-Titeln.
Es gibt Rennen auf Asphalt, Schotter oder über Stock und Stein. Je mehr Events ich absolviere, desto mehr neue Events schalte ich frei. Die Story ist so plump und generisch, dass ich sie schon fast wieder vergessen habe. Ich komme als Tourist in Japan an und will durch Siege beim Horizon Festival das sagenumwobene goldene Festivalarmband ergattern. Das gibt mir Zugang zur «Legend Island», einer Insel für die schnellsten Fahrerinnen und Fahrer.

Wer schon lange Horizon-Titel spielt, horcht auf: Das Armband-System aus den ersten beiden Titeln feiert sein Comeback. Als Nobody beginne ich mit dem gelben Armband, das mir lediglich die Teilnahme an Rennen der langsamsten Autoklasse ermöglicht. Absolviere ich Rennen oder andere Events wie Blitzer oder Drift-Passagen, erhalte ich Punkte und schalte neue Armbänder frei. Durch insgesamt sechs Farben kämpfe ich mich so von Klasse zu Klasse hoch. Typisch für «Horizon», habe ich schon von Beginn weg Supersportwagen in der Garage, die ich auch in der Open World fahren kann. Um ans nächste Armband zu kommen, muss ich aber an Events mit tieferen Fahrzeugklassen teilnehmen. So bin ich gezwungen, auch mal mit der Familienkutsche an den Start zu gehen, weil der Ferrari ein paar Klassen zu hoch ist.

Alle kann, fast alles muss
Trotzdem verrosten die Hypercars nicht in der Garage. Ich kann bei «Horizon 6» in einem zusätzlichen Fortschrittsbaum «Discover Japan»-Punkte sammeln. Statt Armbänder gibt es Stempel. Auch die Events unterscheiden sich: Strassenrennen oder Eins-gegen-eins-Rennen auf Passstrassen, sogenannte Touge-Battles, geben «Discover Japan»-Punkte. Aber auch jede Strasse, die ich entdecke oder jedes Maskottchen, das ich umfahre. Je mehr Stempel ich im virtuellen Büchlein habe, desto mehr neue Wohnhäuser, Barn-Finds (in Schuppen versteckte, rare Autos) oder weitere Events schalte ich frei.

Es braucht etwas Zeit, das duale System zu verinnerlichen. Wieso Stunt-Sprünge jetzt Punkte fürs Armband geben, umgefahrene Maskottchen aber Punkte fürs Stempelheft, ist nicht immer ganz klar. Und für alles gibt es noch XP und CR. Mit CR kaufe ich Autos und rüste sie auf. Was XP machen, ist mir auch nach zwanzig Stunden Spielzeit nicht klar. Sie sorgen zumindest dafür, dass mein Startmenü aussieht wie meine E-Mail-Inbox: Überall Benachrichtigungen.

Und ja, es ist ein gewisser Grind, bis ich das goldene Armband erspielt habe. Vor allem, weil die Online-Komponente während des Tests nicht funktioniert hat. Dort gäbe es viele Punkte zu holen.
Und täglich grüsst das Dopamin
Dass ich trotzdem drangeblieben bin, hat mit den Events zu tun. Der Dopaminrausch des Punktesammelns ist nur so gut, wie die Events selber. Japan als Setting ist medial vorbelastet, um nicht zu sagen ausgelutscht. «Fast and Furious» hat Tokyo bereist, ebenso ein junger Jeremy Clarkson, bevor er mit «Top Gear» berühmt wurde. «Initial D» hat als Kult-Anime Touge-Racing bekannt gemacht, aber auch Arthouse-Filme wie «Drive My Car» zeigen die Liebe Japans zum Auto. Ganz zu schweigen von Games, die seit einem Vierteljahrhundert alle erdenklichen Motorsport-Formen zwischen Drift, Highway-Rennen und Touge simulieren. Diesen Vorlagen gerecht zu werden, scheint eine schier unlösbare Aufgabe, die «Forza Horizon 6» tatsächlich meistert.

Zu viele Runden habe ich auf der Tokyo R246 in «Gran Turismo» gedreht, zu oft bin ich über den Shuto Expressway im Mod für «Assetto Corsa» gerast oder habe in einer virtuellen Rally den «Scandi Flick» verkackt und bin im Strassengraben gelandet.
Bei Nacht über die Rainbowbridge im Gegenverkehr zu rasen, ist genauso berauschend, wie meinen inneren Takumi Fujiwara zu channeln und im ikonischen AE86 einen Pass hinunterzudonnern wie bei «Initial D». Das passt alles unglaublich gut! Und es muss nicht immer Speed sein, weil es genauso toll ist, im Oldtimer gemächlich das ländliche Japan zu entdecken und jede Seitenstrasse einmal zu befahren.

Einzig die Cross-Country-Rennen holen mich nicht ab. Zu behäbig sind die dafür benötigten SUVs, zu unberechenbar die Buggies. Fahrzeuge für reiche Menschen, die ihre Kinder in die Privatschule bringen, sind auch in einem Game nicht unterhaltsam zu fahren. Dasselbe gilt für Buggies. Das ist etwas für geschiedene Väter, die ihre Kinder nicht oft genug sehen und die Alimente zu spät zahlen.

Viele Autos, grosse Absenzen
Sonst ist die Autoauswahl in «Forza Horizon 6» gelungen: Die grossen Marken sind dabei, der Fokus auf Japan ist klar zu erkennen. Lancer, NSX, Skyline oder Supra sind in diversen Ausführungen enthalten, aber auch Exoten wie den Toyota Crown oder den Nissan S-Cargo kann ich mir in die Garage stellen. Schade gibt es dennoch gewichtige Absenzen, etwa Suzuki.
Escudo Pikes Peak Edition anyone?
Wie von Forza gewohnt, fahren sich die Autos sehr unterschiedlich. Heckantriebe neigen zum Übersteuern und sind daher für Drifts geeignet. Autos mit grossen Spoilern kleben an der Strasse, als wären die Reifen in Honig getunkt.
Wer eine Simulation erwartet, ist hier falsch. Die Steuerung ist gutmütig wie ein Shiba Inu. Ich fahre ohne Fahrhilfen wie Traktionskontrolle oder ABS. Nur völlig übermotorisierte Autos lassen sich ohne die Hilfen kaum unter Kontrolle halten. Ein netter Vorteil ist, dass das Ausschalten von Fahrhilfen mehr Preisgeld gibt, weil die Rennen so schwieriger zu gewinnen sind.

Wenn das Gewinnen zur Glückssache wird
Das mit dem Siegen ist sowieso so ein Ding. Auch «Forza Horizon 6» plagt das Phänomen, mit dem alle Rennspiele zu kämpfen haben, die eine riesige Auswahl an Autos (über 600) und Strecken (über 100) bieten. Der Schwierigkeitsgrad ist Glückssache. Mal gewinne ich drei Rennen auf «Experte», dann verliere ich drei Rennen auf der tieferen Stufe «sehr erfahren». Dies, obwohl die gegnerischen Fahrzeuge in der genau gleichen Stärkeklasse sind und ich Tuning-Einstellungen wie Übersetzung, Aerodynamik oder Federn perfekt auf das Rennen optimiert habe. Oft bleibt nichts anderes übrig, als das Auto oder den Schwierigkeitsgrad zu wechseln, um eine Chance zu haben.
Hier dürfte der Online-Modus mit Matchmaking Abhilfe schaffen, den ich leider noch nicht testen konnte.
Atemberaubende Performance
So schön die Welt von «Horizon 6» ist, so flüssig läuft das Ganze auf meinem High-End Gaming-PC. Schwieriger wird es mit Handhelds, wie dem ROG Xbox Ally X, auf dem zwar auch meist alles flüssig läuft, ich aber öfter mit Rucklern zu kämpfen habe.

Auch in Sachen Sound liefert Playground Games ab. Turbos pfeifen, Fehlzündungen knattern und Motoren schnurren, dass es eine wahre Freude ist. Eine schön kuratierte Auswahl an Radiostationen liefert den Soundtrack zwischen Alternative und Klassischer Musik. Die Moderation lässt sich zum Glück ausschalten. Ihre motivierenden Sprüche auf dem Niveau eines E-Junioren-Fussballtrainers («Gib Gas, wenn du gewinnen willst!») sind keine Sekunde zu ertragen. Einzig die Moderation des J-Pop-Kanals ist stimmig, da sie auf Japanisch ist. Die Sprüche sind nicht minder plump: «Gambatte, gambatte!», ruft es mir entgegen.
Ein Meisterwerk
Nach über zwanzig Stunden kratze ich immer noch an der Oberfläche von «Forza Horizon 6». Vieles, was jetzt als Beigemüse erscheint, dürfte durch die Community nach dem Release erst richtig zum Leben erweckt werden. Ich kann zum Beispiel auf meinem Anwesen meine persönliche Rennstrecke bauen, Essen ausliefern, an der Slotmachine drehen, fotografieren oder mein Auto auf Autotreffen unter der Autobahnbrücke präsentieren. Ganz zu schweigen vom Multiplayer-Modus, der dutzende weitere Events und Modi bietet, die mir bisher verborgen blieben.

Schon so ist «Forza Horizon 6» von Beginn weg die bisher ausgeklügelteste und schönste Ausgabe der Serie. Die Miniversion von Tokyo ist genau so gross, dass es genügend Ecken und Gassen bietet, um Spass zu haben, ohne dass ich müde werde. Die Bergregion inklusive Alljahres-Skipiste ist die perfekte Abwechslung, wenn ich mal wieder einfach dumpf runterbrettern will. Wälder, Wiesen, Schotterpisten. Kleine Fischerdörfer, Rennstrecken, Tempel, Flugplätze, ein Stadion… Es gibt so viel zu entdecken und so viel Spass zu haben im virtuellen Japan… Und dann gibt es noch Jahreszeiten, von denen ich erst den Frühling mit Kirschblüten und den Sommer mit saftigen Wiesen erlebt habe.
Das anhaltende Gefühl kindlicher Neugierde hat sich bei mir bei «Forza Horizon 5» nie eingestellt. Zu eintönig war mir die Welt, zu leblos das Drumherum. Sicher, als Prototyp-Weeb bin ich hier massivst beeinflusst. Und trotzdem sage ich: «Forza Horizon 6» ist in allen Belangen ein Meisterwerk.
«Forza Horizon 6» erscheint am 19. Mai auf PC und Xbox. Microsoft hat uns das Testexemplar zur Verfügung gestellt
Fazit
Das Warten auf Japan in «Forza Horizon» hat sich gelohnt
Pro
- unglaublich detailreiche Welt
- über 600 Autos mit diversen Upgrades
- gut getakteter Fortschritt
- atemberaubende Grafik
- geiler Sound
- Autofahren in Japan
Contra
- Story
- Gegner-KI schwankt
- Microtransactions und diverse Währungen

Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell.
Welche Filme, Serien, Bücher, Games oder Brettspiele taugen wirklich etwas? Empfehlungen aus persönlichen Erfahrungen.
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