Was die Canon EOS 1D X Mark III über die Kamerazukunft verrät
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Was die Canon EOS 1D X Mark III über die Kamerazukunft verrät

David Lee
Zürich, am 10.01.2020
Jetzt, wo die Profi-Sportkamera EOS 1D X Mark III draussen ist, wissen wir: Die beste Canon-Kamera ist immer noch eine Spiegelreflexkamera. Was bedeutet das für die nähere Zukunft?

Canon hat an der CES die EOS 1D X Mark III vorgestellt, eine Profikamera für schnelle Action. Für die wenigsten kommt die Kamera zum Kauf in Frage. Dafür ist sie schlicht zu teuer (UVP 7249 Franken / 7299 Euro). Ihre Einführung ist trotzdem interessant, weil sie über die allgemeine Entwicklung Aufschluss gibt.

Beeindruckende Leistung

Es ist ziemlich beeindruckend, was Canon so alles in das neue Flaggschiff reingepackt hat. Hier das Wichtigste kurz zusammengefasst:

  • 16 Bilder pro Sekunde mit optischem Sucher, mechanischem Verschluss und Nachführung von Autofokus und Belichtungsmessung. Die Mark II schaffte das auch schon, allerdings ohne AF/AE-Nachführung.
  • Mehr als 1000 Bilder in RAW+JPEG bei voller Serienbildgeschwindigkeit. Möglich machen es ein sehr grosser Pufferspeicher und die sehr hohe Schreibgeschwindigkeit der CFexpress-Speicherkarten (800 MB/s).
  • Neuer Autofokus mit 191 AF-Feldern, 155 davon Kreuzsensoren. Im Live-View-Modus stehen 525 Fokuszonen zur Verfügung.
  • Motivverfolgung mit «Deep Learning»-Technologie. Dadurch sollen beispielsweise die Gesichter von Sportlern auch dann erkannt werden, wenn sie durch eine Brille oder ein Helmvisier verdeckt sind.
  • Empfindlichkeit von 102 000 ISO im normalen Betrieb, erweiterbar auf 819 200 ISO.
  • Interne Videoaufzeichnung mit 5,5K und 12 Bit im RAW-Format. Das können bislang nur die Profi-Camcorder von Canon.
  • Movie Digital IS Stabilisierung für Videoaufnahmen, die Verwackelungsunschärfe bei der Aufnahme aus freier Hand verhindert – auch das eine Funktion, die sonst nur in High-End-Cinema-Kameras wie der EOS C500 Mark II zu finden ist.
  • Das neue Dateiformat HEIF, das platzsparend 10 Bit Farbtiefe speichert und somit dem alten JPEG überlegen ist (wobei natürlich weiterhin in JPEG gespeichert werden kann)

    Und das alles in einer Spiegelreflexkamera. Warum? Lag ich falsch mit meiner Behauptung, die Spiegelreflex-Ära neige sich langsam dem Ende zu?

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Warum Innovationen in eine SLR fliessen

Innovationen fliessen fast immer zuerst in die teuerste Produktlinie. Danach breiten sich die Neuerungen langsam auf die günstigeren Produkte aus. Bei Canon ist die teuerste Linie eben die EOS 1D X, die jetzt in Version 3 herauskommt. Dennoch: Hätte Canon nicht die gleiche Kamera auch spiegellos bauen können oder sollen?

Sensor
Sensor

Die meisten der oben aufgelisteten neuen Features liessen sich heute auch in einer spiegellosen Kamera einbauen. Einzige Ausnahme ist der Autofokus, der bei Spiegelreflexkameras grundsätzlich anders funktioniert. Nur: Eine solche Kamera fände im Moment kaum Abnehmer. Denn für das neue spiegellose System gibt es die Objektive noch nicht, die für diesen Einsatzbereich nötig wären. Und selbst wenn es sie gäbe, müssten die Sportfotografen und Agenturen auf einen Schlag ganz viel neu kaufen, was sie kaum tun würden. Klar, es gibt Adapter für das R-System, aber Profis wollen die beste Lösung, und das ist eine, die ohne Adapter auskommt.

Ich glaube nach wie vor, dass die Zukunft den spiegellosen Kameras gehört. Nur geschieht die Ablösung sehr langsam. Vor allem im Profibereich. An den letzten Olympischen Spielen hat die Bildagentur Getty Foto-Equipment im Wert von fast einer Million Dollar eingesetzt. Dieses Arsenal muss amortisiert werden und lässt sich nicht von einem Moment auf den anderen ersetzen.

Autofokus
Autofokus

Top-Modell als Technologievorschau für Hobbyfotografen

Die Neuentwicklungen, die Canon in der EOS 1D X Mark III erstmals verwendet, werden später auch in anderen Kameras zum Einsatz kommen, egal ob mit oder ohne Spiegel. Ich spekuliere mal wild drauf los, was passieren könnte:

  • Der neue Bildprozessor Digic X wird in allen Neuheiten der nächsten Zeit zum Einsatz kommen.
  • Das Bildformat HEIF könnte problemlos in jeder Canon-Kamera verwendet werden. Ob das sein muss, ist eine andere Frage.
  • Es könnte eine auf Video spezialisierte Kamera folgen, die ebenfalls Video-RAW bietet, vielleicht sogar in 12 Bit. Dies wird wahrscheinlich eine spiegellose Kamera sein. Diese Kamera würde dann auch den neuen Sensor übernehmen – für Videos reichen 20 Megapixel locker. Und die Motivverfolgung wäre hier auch passend.
  • Das Nachfolgemodell der Canon EOS 5D IV wäre langsam fällig. Dieses könnte den neuen Autofokus übernehmen.
  • Denkbar ist auch eine spiegellose Sport- und Tierkamera mit dem 20-Megapixel-Sensor, CFexpress, Motivverfolgung und einer abartigen Bildwiederholrate mit lautlosem elektronischen Verschluss.

Mehrfachverwertung ist angesagt

Canon und Nikon sind die beiden einzigen Hersteller, die Kamerasysteme mit und ohne Spiegel gleichzeitig bewirtschaften müssen. Damit das einigermassen effizient ist, werden möglichst viele Technologien in beiden Kameratypen verwendet. Wir haben es gerade erst bei der Nikon D780 gesehen: Das ist quasi die Spiegelreflex-Version der Nikon Z 6. Weitere solche Beispiele werden dieses Jahr folgen.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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