TomTom Touch Cardio: Aller Anfang ist schwer
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TomTom Touch Cardio: Aller Anfang ist schwer

Dominik Bärlocher
Zürich, am 14.08.2017
Tracker über dem Tattoo: Melanie hat sich das TomTom Touch Cardio umgeschnallt und einen Monat lang beobachtet, was das Gerät kann und wie es sich bewährt. Ihre Erkenntnisse, inklusive Unfall und einer durchschnittlichen Schlafzeit von über zehn Stunden.

«Aller Anfang ist schwer», sagt Melanie Anna Lee, Customer Service Representative im Zürcher digitec Shop. Sie hat während einem Monat das TomTom Touch Cardio getestet, nachdem sie bereits drei Fitbits monatelang am Handgelenk getestet hat. Ihr Fazit ist eines, das dem Hersteller, der eigentlich für seine Navis bekannt ist, ein gemischtes Zeugnis ausstellt. Aber sie blickt mit Hoffnung in die Zukunft des Herstellers.

«Lest die Bedienungsanleitung!»

Wer liest schon eine Betriebsanleitung von irgendwelchen Smart Devices? Melanie nicht. Denn sie macht das so, wie der grosse Teil der Menschen: Sie drückt mal wild drauf los, hofft, dass die intuitive Bedienung irgendwie Sinn ergibt und kommt so zum Ziel. «Mit dieser Methode bin ich beim TomTom arg auf die Schnauze gefallen», sagt sie. Denn das Gerät ist zumindest im Setup nicht besonders nutzerfreundlich.

Sie nimmt die Betriebsanleitung hervor, sucht einen Guide für das Setup. Sie lacht.

«Zieh dir das mal rein. Da steht irgendwas von Verstrahlung und Beeinträchtigung von Funksignalen», sagt sie mir.

Tatsächlich steht auf Seite 26 der Betriebsanleitung etwas, das wohl in der ungelesenen Betriebsanleitung der meisten Tracker steht.

Dieses Gerät erzeugt, verwendet und strahlt Hochfrequenzenergie aus und kann den Funkverkehr stören, wenn es nicht gemäss den Anweisungen installiert und verwendet wird.

Während den Ferien in Bangkok, die Melanie kurz nach Testbeginn antritt, bleibt das TomTom zu Hause. Weil ihr Handy müsse sie auch in den Flugmodus setzen. Da wolle sie kein Risiko eingehen. «Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass die Tracker im Flugzeug harmlos sind, aber ich geh doch lieber in die Ferien, als abzustürzen», sagt sie mit einem Lachen.

Die Testerin beschliesst schnell, dass das Setup mit dem Handy wohl gehe, aber sie sich lieber auf die Version mit dem PC verlasse. Geht schneller. Und sie rät dazu, die Betriebsanleitung zu lesen, auch wenn das komplett an ihrer normalen Arbeitsweise mit Geräten zum Privatgebrauch vorbeigeht.

Die Auswertung beim Unfall

Der Monat mit dem TomTom ist ein abenteuerlicher. Melanie geht in die Ferien, die Zeit wird der Testzeit nicht angerechnet. Und sie baut einen Unfall. Als sie eines Sonntags auf einem Drift-Dreirad mit hoher Geschwindigkeit einen Berg hinunterrast, stürzt sie.

Die Folge: Melanie langweilt sich. Sonst geht die Deutsche im digitec Shop rund 20 000 Schritte pro Tag, redet mit unzähligen Kunden und hat auch ein Privatleben. Jetzt ist sie krankgeschrieben, hockt zu Hause rum, weil alles schmerzt.

«Eine gute Gelegenheit also, einfach mal alle Funktionen des Trackers durchzudrücken», meint sie.

Sie bemerkt eines schnell: Obwohl die Hardware viel hergibt, hinkt die Software noch etwas hinterher. Erst ein Update kurz vor Ende des Tests bringt eine sinnvolle Auswertung ihres Herzschlags. Anfangs wurde nur ein Durchschnittspuls angezeigt, nicht aber eine Auswertung über Zeit. «Das sagt klar aus, dass TomTom aktiv an der Software arbeitet und sich nicht mit ihrem aktuellen Produkt zufrieden gibt», sagt sie. Es sei offensichtlich, dass das kleine schwarze Ding am Handgelenk den Puls live aufzeichnet, denn auf dem Display des Trackers kann der Herzschlag live mitverfolgt werden. Da mache das Fehlen einer Kurve über einen Tag nur wenig Sinn, fügt sie an. «Und ich hätte gerne gesehen, was mein Herz beim Unfall gemacht hat. Denn das war ein wahnsinniger Adrenalinstoss.»

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Wieder genesen: Melanie testet nach ihrem Unfall weiter

«Generell, die App hat Macken», sagt sie. Die Pendlerin habe den Award für «du hast deine Anzahl Schritte heute erreicht» mitten während einer Zugfahrt erhalten. «Ich hatte mich minutenlang nicht mehr bewegt und dann meinte mein Handy auf einmal, dass ich irgendwohin gegangen sei.»

  • Die Synchronisation mit dem Smartphone funktioniert mal gut, mal gar nicht
  • Das TomTom Touch Cardio meint, Melanie schläft, wenn sie es auszieht
  • Die App mosert die ganze Zeit mit Warnhinweisen herum, dass sie eine Bluetooth-Verbindung haben will, wenn Bluetooth am Smartphone manuell ausgeschaltet ist

Das sei vor allem frustrierend, weil die App massiv Potenzial habe.

Die App mit Potenzial

Die TomTom Sports App (Android und Apple iOS) ist ein Produkt, das laut Melanie immer noch in der Entwicklungsphase steckt, aber wenn die aktuellen Funktionen und die Bedienung eines verraten, dann dass das so richtig gut kommen könne.

Anders als bei der Konkurrenz kann die Oberfläche der App frei angepasst werden. «Wenn du nicht sehen willst, wie fett du geworden bist, kannst du das Gewicht einfach nicht anzeigen lassen», scherzt sie. Sie räuspert sich und korrigiert die Aussage zu «Die Benutzeroberfläche kann je nach Fokus der sportlichen Aktivität angepasst werden.» Ernst bleiben kann sie bei dem Statement auch nicht. Ihr steht Marketingsprech auch nicht gut zu Gesicht. Frechheit hingegen eher schon.

Die freie Konfigurierbarkeit der Benutzeroberfläche mag zwar stellenweise nicht besonders intuitiv sein, biete aber viel Freiheit für seine Nutzer. Wer also spezifische Daten ausgelesen haben und schnell dargestellt haben will, der ist mit der TomTom App wohl glücklicher als mit einer, die einfach nur alle Daten irgendwie zusammenfasst und auf einen Bildschirm packt. Sie erinnert sich an die Pulskurve, die sie erst nach einem Update entdeckt hat: «Kann gut sein, dass die Kurve schon vorher da war, aber halt gut versteckt». Das Update könnte die Option einfach nur prominenter platziert haben. Da Melanie während dem Test trotz allen Versuchen kein Downgrade mehr machen konnte, wendet sie sich an dich.

Weisst du, ob die Kurve, die den Pulsschlag detailliert und nicht nur mit Tagesdurchschnitt analysiert, vorher schon da war? Lass es uns in den Kommentaren wissen.

Konkurrenz in einem Jahr

Trotz all dem Abenteuer in ihrem Leben und einem Gerät, das sie nicht vom Hocker haut, mag sie das Gerät nicht komplett abschreiben. Klar, das Setup war etwas anstrengend im Vergleich mit der Konkurrenz und die Funktionen sind softwareseitig nur halbwegs da, tauchen ab und verschwinden irgendwo in den Tiefen der App, aber der Reiz ist da. Genau wie das Verständnis seitens des Herstellers.

Kaufen würde sich Melanie das TomTom Touch Cardio nicht. Noch nicht. Wenn sie vom Gerät erzählt, dann wechseln sich die Emotionen ab. Frust und Optimismus. Sie mag die Idee des Geräts und seiner Apps mehr als die Ausführung. Da die App aber regelmässig Updates erfährt, lautet ihr Urteil wie folgt: «In einem Jahr wird TomTom wohl grossartig sein. Bis dahin können Nutzer bei der Entwicklung zusehen.»

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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