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Nokia 7.2 First Look: Alt, neu, Kamera, Business… was?

Dominik Bärlocher
Zürich, am 05.09.2019
Das Nokia 7.2 sieht so richtig gut aus. Mit einer noch nicht gesehenen Rückseite in einer noch nicht gesehenen Farbe beeindruckt das Gerät auf den ersten Blick. Aber die Software könnte dem Smartphone das Genick brechen.

Journalisten tummeln sich in der grösstenteils in weiss gehaltenen Zentrale des Optikkonzerns Zeiss in Oberkochen bei Stuttgart. Da liegen Sonnenbrillen in Regalen, Gerätschaften für Augenärzte werden stolz präsentiert, Butterbrezel liegen auf. Doch darum sind Videoproduzentin Stephanie Tresch und ich nicht hier. Wir sind hier wegen einem Smartphone, das viel verspricht: Dem Nokia 7.2.

Nokia hat mit Zeiss gemeinsame Sache gemacht, das hat mittlerweile Tradition, und im Nokia 7.2 Kameras aus dem Hause Zeiss verbaut. Das verspricht viel. Aber nach dem ersten Hands-on drängt sich eine Frage auf: Macht die Software der Kamera-Hardware einen Strich durch die Rechnung?

Das riskante Spiel der Finnen

Das Nokia 7.2 ergibt wenig Sinn. Sowohl in der Bauweise wie auch in der Marktpositionierung. Bevor wir zum grossen Problem mit der Kamera kommen, werfen wir einen Blick auf den Rest des verwirrenden Pakets, das nur einen Schluss zulässt: Nokia ist ambitioniert und hungrig.

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Das Smartphone mit Android One, grossem Display und Quatro-Kamera für tolle Bilder im RAW-Format.

Das Nokia 7.2 sieht verdammt gut aus. Vor allem in Grün. Die anderen beiden Farben, schwarz und grau, können da nicht mithalten, selbst wenn das graue Phone einen recht willkommenen Kontrast in der schwarz/weissen Suppe der Smartphones darstellt. Die Rückseite besteht aus milchigem Glas, was die Oberfläche leicht rauh macht und so den Grip massiv verbessert. Dafür aber fühlt sich das 6.3 Zoll diagonale Phone mit 180 Gramm gefühlt recht schwer an. Irgendwie gibt es da einen Disconnect zwischen dem, was du siehst, und dem, was du fühlst. Denn 180 Gramm per se sind nicht schwer.

Unter dem Display rechnet ein Qualcomm Snapdragon 660 System-on-a-Chip (SoC). Das ist weit vom Flaggschiff, dem Snapdragon 855, entfernt, aber ordentlich. Der 660er leistet in einer hardwareseitigen Basiskonfiguration gute Dienste, wird aber nie irgendwelche Preise gewinnen. Er sorgt aber für ein recht attraktives Preisschild. Das Nokia 7.2 liegt sehr weit unter der 1000er-Grenze, die Flaggschiffe so gerne mögen.

So schön die Hardware und der Preis auch sein mögen, so merkwürdig ist das Verständnis Nokias der eigenen Zielgruppe. Mit einem Preis und einer Kamera von diesem Kaliber wäre die Zielgruppe so der Markt in Indien/Asien. Das übersetzt sich für den hiesigen Markt mehr oder weniger so: Teenager, die auf Kameras und kleine Preise stehen.

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Doch Nokia will mit dem 7.2 Business-Kunden anlocken. Am Event bei Zeiss ist die Rede von «Best in Business», am folgenden Pressetermin laut Kollege Jan Johannsen dann aber nicht mehr. Firmennamen wie «Deutsche Bahn» fallen. Gut, das wären 318 000 Phones, die Nokia einfach so absetzen würde. Klingt gut, wäre gut. Denn wenn Nokia das hinkriegt, oder einen Deal von ähnlicher Grösse, dann könnte der Konzern massiv viel mehr Geld in Research und Development investieren. Ambition hat der finnische Konzern mehr als genug, wie das 7.2 beweist. Aber der Verdacht hält sich, dass fünf Minuten länger in der Pipeline dem Gerät gut getan hätten. Zudem macht sich Nokia gerade bei Datenschützern beliebt mit der Ansage, dass keine Daten mehr nach China transferiert werden. Neu stehen die Data Servers in Hamina, Finnland. Genau darum wünsche ich Nokia den Erfolg mit Business-Kunden, denn die Smartphone-Welt braucht mehr solche Initiativen.

Kamera versus Software

Bis hierhin hat Nokia gespart. Doch bei der Kamera, da klotzen die Finnen. Zeiss liefert – das weiss ich aus der Fotografie – nichts, das nicht bis ins hinterletzte Detail durchgeplant und engineered ist. Daher sind die 48 Megapixel, die die Triple Cam hinten am Phone liefert, nur der Anfang der Bildqualität, die das Smartphone bringen kann.

Könnte.

Ich rüffle jetzt ein bisschen über die Kamera, möchte aber vorausschicken, dass nichts von dem, was ich kritisiere, nicht mit einem Software Update gefixt werden kann, damit es akzeptabel ist. Zudem ist es an Preview-Veranstaltungen oft der Fall, dass Phones nicht mit der Software ausgestattet sind, die auf den Retail Models laufen wird. Am Event bei Zeiss ist das der Fall.

Bei Smartphones sind, anders als bei Fotokameras, nicht nur die mechanischen Komponenten des Kamerasystems matchentscheidend. Denn das Ziel einer Smartphone-Kamera ist es, möglichst viele klare Bildinformationen zu liefern. Dann übernimmt die Software und rechnet. Damit die Software rechnen kann, braucht sie solide Hardware. Und genau da ist der Punkt, an dem Nokia nun wirklich nicht hätte sparen sollen, es dann aber doch getan hat.

Der Qualcomm Snapdragon 660 kann von Haus aus mit Kamerainformationen von bis zu 25 Megapixeln arbeiten. Sprich: Das SoC kann diese Datenmenge ohne weiteres verarbeiten. Ein Bild kommt in deine Galerie ohne, dass du irgendeine Performance-Einbusse hinnehmen musst. Beim Nokia 9 PureView – das mit den vielen Kameras hinten – war das der Aspekt, der das Phone am Ende für Fotofans versenkt hat. Nach dem Klick darfst du gut und gerne zehn Sekunden warten, bis das Bild in deiner Galerie auftaucht. Beim 7.2 ist der Effekt nicht ganz so arg, aber du wartest trotzdem mehrere Sekunden.

Wenn dann die Bilder super wären, dann würde ich unter Umständen noch damit leben können. Aber wenn die Hardware die Daten zur Software weitergeleitet hat, dann macht die ihr Ding. Stark vereinfacht gesagt. Und die Software macht extrem seltsame Sachen.

Kein Foto, das du mit einem Smartphone machst, kommt in die Galerie, wie es aufgenommen wurde. In jedem Phone wirft die Software Filter, Korrekturen und Farbanpassungen an die Rohdaten aus der Kamera. Bestes Beispiel hier ist das Google Pixel, das mit einer Kameralinse einen Tiefenunschärfe-Effekt hinkriegt, wofür andere Phones in der Regel zwei Linsen nutzen. Das geschieht rein durch Software. Du kannst den Einfluss der Software, vor allem bei chinesischen Phones, zwar reduzieren, aber ganz ausschalten geht nicht.

Das Nokia 7.2 wurschtelt da seltsam in der Gegend herum. Exemplarisch kann da dieses Bild hinhalten.

An und für sich kein Problem. Doch bei genauerem Hinsehen fallen zwei Dinge auf. Zum einen ist da die Lampe im Hintergrund, die entweder von der Software verwischt werden soll, aber das ging dann schief.

Das ginge ja noch, aber dann habe ich auf dem Bild auf einmal zwei Zeigefinger an der rechten Hand. Was ging da schief? Das Licht im Raum war hervorragend, selbst wenn es LED-Lampen sind, die ein Flimmern bei einer zu hohen Verschlussgeschwindigkeit erzeugen. Denn LEDs leuchten nicht im Auge der Kamera, sie blinken. Sie blinken einfach schneller, als dass dein menschliches Auge es wahrnimmt.

Nichts, das nicht mit Software Updates beseitigt werden kann. Denn wenn Nokia das in den Griff kriegt, dann ist das 7.2 ein Kameramonster, das sich wahrscheinlich sehen lassen kann.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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