iPhone-User goes Android. Aber bleibt er auch?

iPhone-User goes Android. Aber bleibt er auch?

Aurel Stevens
Zürich, am 12.04.2018
Bilder: David Lee
Ich hatte auch schon Android-Geräte in der Hand. In meinem Alltag verlasse ich mich seit dem iPhone 3GS auf iOS-Geräte. Und bin eigentlich zufrieden. Aktuell hatte ich das Bedürfnis nach einem handlichen Videoplayer und habe mich für ein Android-Tablet entschieden.

So ein Tablet ist sehr praktisch, um auf dem Sofa oder im Bett Bücher zu lesen, Netflix zu gucken oder im Internet zu surfen. Oft ist das weit angenehmer als mit dem klobigen Laptop oder mit dem Mini-Bildschirm auf dem Smartphone. Ein Tablet muss her!

Das neue, etwas abgespeckte iPad wäre ein heisser Kandidat. Mit 349.– ist es ausgesprochen günstig und könnte alles, was ich will. Das ist ein 9.6”-Gerät und ich möchte lieber ein handliches Modell um die 8 Zoll. Das iPad mini (7.9") würde von der Grösse her passen, gibt es aber nur mit 128 GB Speicher und das kostet über 400 Franken.

iPad (2018) (9.70", 32GB, Space Gray)
Apple iPad (2018) (9.70", 32GB, Space Gray)
iPad mini 4 (7.90", 128GB, Space Gray)
Apple iPad mini 4 (7.90", 128GB, Space Gray)

Also schaue ich mich bei den Androiden rum. Und plötzlich packt mich das Verlangen, mal über den Tellerrand zu gucken. Es soll ein Android-Gerät werden!

Bei den Modellen mit etwas kleinerem Bildschirm ist die Auswahl überschaubar. Ich entscheide mich sehr schnell für das Huawei Mediapad M3. Gutes Display, gute Laufzeit, günstig. Die Kundenbewertungen sehen gut aus: ein Preis-Leistungs-Knaller. Das hat nur Android 6, aber muss ich halt updaten, was solls. Etwas Recherche später bemerke ich: Jä so! Android 8 gibt’s für das M3 nicht. Diesen Januar lieferte Huawei ein Update, das bringt aber nur Android 7. Ich bin konsterniert. Das Gerät ist im Herbst 2016 lanciert worden und es gibt nur Android 7? Das ist jetzt nicht wahr, oder?

MediaPad M3 (8.40", 32GB, Silber)
Huawei MediaPad M3 (8.40", 32GB, Silber)

Ich entferne das M3 aus dem Warenkorb und lege das M5 hinein, das ich glücklicherweise in der Zwischenzeit entdeckt habe. Die Specs unterscheiden sich nicht gross, aber das M5 hat Android 8 an Bord. Das M5 ist die aktualisierte Variante, bietet USB-C und damit schnelleres Laden. Die Frontkamera ist auch etwas besser (13 MP statt 8 MP). Dafür hat Huawei beim M5 den Kopfhöreranschluss gestrichen. Warum, Huawei, warum? Die besseren Kameras würde ich sofort für einen Headphone Jack opfern. Ich will eine Videomaschine, was will ich mit einer Kamera-Flunder! Jä nu, dann muss es eben der mitgelieferte Adapter richten.

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MediaPad M5 (8.40", 32GB, Space Gray)
Huawei MediaPad M5 (8.40", 32GB, Space Gray)

Ultra-Vision-Display gepaart mit High-Res-Sound und souveräner Akku-Ausdauer versprechen mehr Freude am Tablet.

Am nächsten Tag kann ich das M5 schon im Shop abholen. Ich freue mich. Werde ich diesmal mit Android warm?

Wo ist mein Back-Swipe hin?

Einige Funktionen gehen einfach in Fleisch und Blut über, wenn man sie tagtäglich verwendet. Die Wisch-Geste nach links und rechts auf iOS ist bei mir so eine. In Applikationen gehts damit vorwärts und zurück. Unverständlich, dass es das bei Android nicht von Haus aus gibt. Das ist dermassen intuitiv und praktisch, gerade im Browser. Zum Glück hat Dominik Bärlocher schon beschrieben, wie man das bei Android nachrüsten kann.

*Wie bei Apple**: Wie du den Swipe-Up zum Home Screen auf Android hinbekommstVideo
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Eine Vorwärts-Funktion gibt’s zwar nicht, aber der Back-Swipe funktioniert wieder, wie ich es mir gewohnt bin. Immerhin. Merci, Dominik!

Adblocker

Auf meinem iPhone habe ich mir, sobald das mit iOS 11 möglich war, einen Werbeblocker installiert. Animierte Banner saugen meinen kostbaren Akku leer, beleidigen meine Augen, kosten Geschwindigkeit und Datenvolumen. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Werbung, von irgendwas müssen Onlineportale ja leben. Wo Werbung ein erträgliches Mass hat, erlaube ich sie.

Ich staune, dass das bei Android nicht so einfach geht. Browser-Plugins zum Herunterladen oder systemweite Einstellungen gibt’s nicht. Ich frage bei den Android-erfahrenen Kollegen Philipp Rüegg und Luca Fontana nach. Wie macht ihr das? Ich staune: Sie nehmen die Werbung einfach hin. Auf der Suche nach einem Weg wie bei iOS lande ich bei Opera. Der blockt zunächst alles, erlaubt aber Ausnahmen für «gute» Websites. Super!

Hartnäckige Bloatware

Smartphones sind rechteckig, Prozessor-Plattformen gibt es nicht so viele und das Betriebssystem ist auch das gleiche: Ich versteh ja die Android-Hersteller. Man will sich irgendwie voneinander unterscheiden, nicht hauptsächlich über den Preis. Huawei setzt auf eine eigene Oberfläche namens EMUI. Das verstehe ich ja noch. Aber warum macht Huawei eine eigene Gesundheits-App? Einen eigenen Cloud-Speicher? Und lässt dafür die M3-Benutzer mit Android 6.0 stehen? Ich verstehe es nicht.

EMUI gebe ich eine Chance. Das Ding ist nicht schlecht. Ich folge aber Dominiks Rat und wechsle zum Nova Launcher. Die vorinstallierte Wetter-App will beim ersten Start auf meine IMEI zugreifen. Bitte was? Meine IMEI, um mir das Wetter anzuzeigen? Die App landet umgehend im Mülleimer. Die Gesundheits-App «HiCare» brauche ich ebenfalls nicht und will sie deinstallieren. Geht aber nicht, weil es eine System-App sei. Ein Ärgernis. Schade, dass Huawei Apple den Quatsch nachmacht, dass gewisse Apps nicht entfernt werden können.

Beim Homescreen zeigt Android hingegen, wie's gemacht wird. Nachdem ich das gesehen habe, frage ich mich schon, weshalb Apple mir partout ein Wetter-Widget auf meinem Homescreen verweigert.

Grober Patzer bei Netflix & Co.

Ein wirklicher Showstopper ist, dass Huawei es verpasst hat, wichtige DRM-Spezifikationen einzuhalten. Das Digital Rights Management (DRM) bei Android namens Widevine kennt drei Level, von L1 bis L3. Nur mit L1 – Verschlüsselung auf dem Chip – gibt es HD und 4K-Inhalte. Das M5 beherrscht nur L3. Das heisst, ich kriege nur SD-Inhalte, wenn ich DRM-verdongelte Videos gucken will. Auf so einem Gerät ist das absolut widersinnig.

Mensch Huawei: Wie kann man ein so tolles Gerät bauen, es «Mediapad» nennen, Netflix vorinstallieren – und dann kann ich dort nur SD-Qualität gucken? Ich erwarte ja nicht 4K-Inhalte auf dem 8”-Display. Aber 720p dürfte es schon sein. Ich stehe mit 480p da und fühle mich veräppelt. Vor allem, wenn in der Pressemitteilung gejubelt wird, «dass der Akku beim Abspielen von 1080P Videos bis zu 12 Stunden» durchhält. Auf YouTube ja, aber Streamingdienste mit DRM verweigern derzeit alles über 480p.

Immerhin, es gibt Hoffnung! Auf Anfrage übermittelt Huawei Schweiz folgendes offizielles Statement:

Huawei is currently working with Netflix for a solution to resolve the problem of playing HD videos on the HUAWEI MediaPad M5 tablet. Meanwhile, consumers can enjoy the immersive audio and video experience with their MediaPad M5 with other video apps. The company will provide an update on developments.

Da bin ich mal gespannt! Vor allem, weil die DRM-Geschichte zunächst nichts mit Netflix zu tun hat, sondern damit, dass das Gerät eben Widevine L1 beherrschen muss. Netflix schaltet dann nur noch die Geräte-Kennung frei.

Fazit

Was soll ich sagen? Mit Android habe ich kein Problem. Es ist keine Liebe auf den ersten Blick, aber damit kann ich problemlos arbeiten. Das habe ich so fast schon erwartet. Das Huawei Mediapad M5 hat mich anfänglich sehr begeistert. Zwischendurch ist mein Gesicht etwas lang geworden.

Um Sicherheitsupdates ist es bei Android mittlerweile ganz ordentlich bestellt. Die gemachte Erfahrung überzeugt mich nicht restlos. Mit Betriebssystem-Updates kann man, wenn überhaupt, nur mit erheblichen Verzögerungen rechnen. Das ist schade. Ich verstehe es auch nicht wirklich. Natürlich verschlingt die Modellpflege viel Geld. Aber es wäre doch ein hervorragendes Alleinstellungsmerkmal, wenn ich wüsste, dass Huawei seine Geräte zuverlässig und zeitnah mit Updates versorgt. Das wäre mir deutlich mehr wert als der Versuch, die eigene Health-App und einen Cloud-Speicher in den Markt zu drücken.

Man kann über Apple und den «goldenen Käfig» meckern. Aber Updates beherrschen die. Mein iPhone 6S (2014) ist mit iOS 8 gestartet und läuft mittlerweile reibungslos mit iOS 11. Vielleicht liegt sogar noch iOS 12 drin. Und immer mit zeitnahen Sicherheitsupdates. Kann schon sein, dass Android in der Theorie genau gleich viel kann wie iOS. Aber Apple kriegt die Leistung auf den Boden. Auf allen Geräten, über mehrere Jahre.

Bei vielen Android-Geräten steckt man genauso in einem Käfig fest, weil das Betriebssystem angepasst wurde und sich nicht ohne weiteres aktualisieren lässt. Mein neues Tablet ist so ein Exemplar. Trotzdem probiere ich Android sicher gerne wieder einmal aus. Das ist eine feine Sache. Durch meine Erfahrung weiss ich jetzt, dass ich ein Gerät kaufen werde, das von AOSP oder vielleicht LineageOS unterstützt wird. Diese Varianten sind frei von Bloatware, werden zackig aktualisiert und die relevanten Features sollten auf Anhieb funktionieren. Damit werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit glücklich werden.

Ich halte euch auf dem Laufenden, was die Netflix-Geschichte angeht. Wenn die Profis mir als Android-Newbie noch Tipps mitgeben möchten: Sehr gerne!

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Aurel Stevens
Aurel Stevens
Chief Editor, Zürich
Ich bändige das Editorial Team. Hauptberuflicher Schreiberling, nebenberuflicher Papa. Mich interessieren Technik, Computer und HiFi. Ich fahre bei jedem Wetter Velo und bin meistens gut gelaunt.

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