HTA9: Sonys «revolutionäres» Dolby-Atmos-System im Test

Luca Fontana
Zürich, am 05.07.2022

Vier Lautsprecher, die dir vorgaukeln, zwölf zu sein. Revolutionär? Nein. Aber eindrucksvoll klingt’s trotzdem.

Dieser Text wurde ursprünglich im Januar 2022 geschrieben, aber wegen Lieferschwierigkeiten erst im Rahmen der Galaxus-Paketbeilage zum ersten Mal am 6. Juni 2022 veröffentlicht.

Sonys neues Soundsystem hat einen ungewöhnlichen Ansatz. Wo ich nämlich eine Soundbar erwarte, sind vier grosse Lautsprecher und eine Box, die ein Mini-Computer ist. Sony verspricht damit die beste Klangkulisse, die es für Heimkino-Systeme in seiner Preisklasse gibt.

HT-A9 (1 x 504 W)
1999.–
Sony HT-A9 (1 x 504 W)
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Tatsächlich will der japanische Hersteller eine Brücke schlagen: Die HTA9 richtet sich an jene, die mit einer Soundbar liebäugeln, weil ein viel teureres Heimkinosystem jenseits der 5000-Franken-Marke à la Klipsch und Konsorten eh nicht in Frage kommt. Gleichzeitig will sich die HTA9 aber klangtechnisch von den Soundbars abheben – auch den teuren. Darum die vier Lautsprecher, die nicht gerade klein sind, aber auch nicht so sperrig wie die Schrank-grossen Lautsprecher eines Heimkinosystems.

Ob Sonys Mission gelingt, liest du in diesem Test.

Riesig, aber auch stylish

Aufgebaut ist die Geschichte fix. Die vier Lautsprecher habe ich von meiner Sitzposition aus ungefähr vorne links, vorne rechts, hinten links und hinten rechts aufgestellt; die genaue Positionierung ist nicht so wichtig, das übernimmt später die Software. Die wird vom Prozessor gesteuert, der sich in einer kleinen separaten Box befindet.

Ein Prozessor hat bei Soundsystemen einen wichtigen Job. Besonders dann, wenn ein raumfüllender Sound mit ausgeklügelten 3D-Effekten versprochen wird, auch wenn da gar keine zusätzlichen Lautsprecher im Raum sind – etwa bei Soundbars. Das Versprechen halten Hersteller ein, indem sie Ton mit komplizierten Berechnungen und Algorithmen digital manipulieren. Hier kommt der Prozessor ins Spiel: Je leistungsfähiger dieser ist, desto komplexer die Berechnungen und desto hörbar besser der Sound.

Dass Sony dem Prozessor gar eine eigene Box gibt, spricht für viel Rechenpower – wie bei einem Receiver. Das ist gut.

Sieht ein bisschen aus wie ein Receiver, die Sony-Box. Und nein, Knöpfe sind da keine.
Sieht ein bisschen aus wie ein Receiver, die Sony-Box. Und nein, Knöpfe sind da keine.

Als nächstes wähle ich im Lautsprechermenü die automatische Klangfeldoptimierung aus. Das muss nur bei der erstmaligen Einrichtung gemacht werden. Stell’s dir wie eine imaginäre Kuppel vor, die über dich gesetzt wird: Zuerst geben die Lautsprecher komische Töne ab, deren Schallwellen von den Wänden, Fenstern und der Decke reflektiert werden. Die Mikrofone in den Lautsprechern fangen sie anschliessend wieder ein. Mit den daraus resultierenden Daten macht sich der Prozessor ein akustisches Bild des Wohnzimmers. So optimiert er das Klangfeld – die «Kuppel» – unabhängig davon, wo in etwa die Lautsprecher positioniert worden sind.

Der Clou: Zu den vier physisch vorhandenen Tonkanälen der Lautsprecher simuliert der Prozessor zusätzliche acht virtuelle Tonkanäle. Insgesamt also zwölf Tonkanäle:

  • Zwei vordere
  • Zwei seitliche
  • Zwei hintere
  • Vier obere
  • Zwei Subwoofer

Voilà: ein Klangfeld mit einem 6.2.4-System. Insgesamt kommt es auf 504 Watt Nennleistung.

Klangfeldoptimierung ab 9 Sekunden. Du brauchst dabei nicht mit deinem Handy fuchtelnd durchs Wohnzimmer zu laufen.

Zu den Lautsprechern: Unauffällig sind die beigen vier Kilo schweren Zylinder nicht. Auf meinem TV-Möbel haben sie neben dem 65-Zoll-TV geradeso Platz. Stylisch finde ich sie trotzdem. Ich mag die Zylinderform und das Gitterdesign – Stoffbezüge, wie man sie bei Lautsprechern oft sieht und Staub anziehen wie Licht die Motten, sind für mich ein No-go.

Die Box und die Lautsprecher werden über Kabel mit Strom versorgt. Dir muss also bewusst sein, dass du viele freie Steckdosen und/oder Verlängerungskabel brauchst, falls du mit dem Kauf liebäugelst. Zur Prozessor-Box selber braucht es aber keine weiteren Kabel, die Lautsprecher kommunizieren via WLAN untereinander. Die Box wiederum wird über ein beigelegtes HDMI-Kabel mit dem Fernseher zusammengeschlossen. So gelangt Sound zur Box und von dort aus via WLAN zu den Lautsprechern. Benutzt du die HTA9 zum Musikhören, etwa über Spotify, läuft eh alles über WLAN.

Was steckt unter der Haube? Viel Gutes!

Die Sache mit dem Prozessor, der den Sound digital manipuliert, ist die: Wenn Ton ein Muskel ist – ein digitaler Muskel – dann ist zu viel digitale Manipulation wie Anabolika. Kurz: Sound wirkt künstlich. Oder etwas esoterischer: Das wohlig-warme Gefühl beim Hören von Sound oder Musik fehlt. Genauso wichtig wie der Prozessor sind darum die in den Lautsprechern verbauten Treiber, die den Sound wiedergeben und natürlich wirken lassen, trotz digitaler Manipulation.

Sony hat pro Lautsprecher folgendes verbaut:

  • Ein nach vorne abstrahlender Soft-Kalottenhochtöner für die höheren Frequenzen.
  • Ein breit abstrahlender, elliptischer Tieftöner für die mittleren Frequenzen und Bass.
  • Ein nach oben abstrahlender Lautsprecher für Sound von oben.
  • Zwei Mikrofone für die Klangfeldoptimierung und Sprachsteuerung (Google Assistant und Alexa).
Die Lautsprecher sind definitiv ein Blickfang – ob im Guten oder Schlechten hängt von der Perspektive ab.
Die Lautsprecher sind definitiv ein Blickfang – ob im Guten oder Schlechten hängt von der Perspektive ab.

Apropos – folgende Anschlüsse sind vorhanden:

  • 1x HDMI-2.1-Ausgang, ARC- und eARC-fähig
  • 1x HDMI-2.1-Eingang
  • 1x LAN
  • 1x S-Center-Ausgang
  • 1x USB-Schnittstelle für Updates via USB-Stick
  • Eingebautes Chromecast
  • Bluetooth 5.0
Über den ARC/eARC-Kanal kommt Sound zur Box. Steckst du ein separates Gerät beim HDMI-Eingang ein, wird das Bild über den HDMI-Ausgang zum Fernseher transportiert.
Über den ARC/eARC-Kanal kommt Sound zur Box. Steckst du ein separates Gerät beim HDMI-Eingang ein, wird das Bild über den HDMI-Ausgang zum Fernseher transportiert.

Anders als etwa Konkurrent Sonos Arc kriegst du hier einen zusätzlichen HDMI-Anschluss. «Halleluja», sage ich dazu. Ich persönlich habe nämlich so viele externe Geräte, dass die vier HDMI-Eingänge der meisten TVs schon lange nicht mehr ausreichen. Die zusätzliche Einsteck-Option der Box ist darum mehr als willkommen.

Auch sehr willkommen sind die unterstützten Soundformate:

  • Dolby Atmos
  • Dolby TrueHD
  • DTS-X
  • DTS Digital Surround
  • 360 Reality Audio
  • FLAC, ALAC und DSD

Beim Fernsehen werden Soundformate mit wenigen Kanälen – etwa Stereo – automatisch hochskaliert und auf bis zu zwölf Soundkanälen verteilt. Darauf komme ich später zurück. Beim Musikhören hingegen werden weniger qualitative Formate auf DSEE Extreme hochskaliert, sofern Musik via WLAN auf die Lautsprecher gestreamt wird. Falls dir diese Abkürzungen nichts sagen, dann einfach so viel: DSEE Extreme ist ziemlich nahe an hochwertigen Hi-Res-Formaten. Egal, was du auf der HTA9 hören wirst: Es wird ziemlich gut klingen.

Wie die Theorie in der Praxis klingt

Zeit, die geballte Theorie in der Praxis zu testen. Den Anfang mache ich mit «The Tomorrow War». Der Film mit Chris Pratt in der Hauptrolle handelt von einem Krieg, der in der Zukunft gekämpft und verloren wird. Menschen reisen darum in die Vergangenheit – unsere Gegenwart –, um Verstärkung in Form von Kanonenfutter zu holen. Genau da beginnt meine Test-Szene. Für Soundsysteme ist sie besonders herausfordernd, weil Sound auch von oben kommen soll – vertikaler Sound.

Quelle: Amazon Prime Video. Ton: Englisch, Dolby Atmos

Es wabert und wummert um mich herum, während Blitze und purpurne Energiefelder das Tor zur Zukunft aufstossen. Dann, mit einem lauten Knall, öffnet sich ein Wurmloch über Chris Pratt und denanderen Soldaten – ein Knall, den ich beinahe über meinem eigenen Kopf zu hören meine. Die Vertikalität in der Tonkulisse ist nicht nur gut. Sie ist grossartig. Ein Soldat nach dem anderen wird in das Wurmloch hochgezogen. Ihre überraschten Aufschreie hallen nach. Wieder staune ich über die Vertikalität. Dann ist Pratt dran. Sein Flug durch Raum und Zeit füllt klanglich mein ganzes Wohnzimmer. Es wummert. Es zischt. Es blitzt. Es donnert. Die Gruppe springt in die Zukunft. Was dann folgt, ist verstörend.

Pratt, ich und dutzende andere Zeitreisenden befinden uns plötzlich hunderte Meter über Boden, mitten in einer Wolke – und wir stürzen ab. Der Wind zischt von überall her. Die Schreie auch. Mal aus den vorderen Boxen. Dann aus den hinteren. Pratts Blick geht nach unten. Dächer nähern sich rasant; die müssen von Wolkenkratzern sein. Erste glücklose Soldaten krachen auf harten Stein. Knochen brechen. Körper werden zusammengedrückt. Der Bass rummst. Es donnert immer noch um mich herum. Dann sehe ich, wie manche die Dächer verfehlen, weiter stürzen, immer weiter. Ihre Schreie werden leiser. Meine Nackenhaare stellen sich auf.

Pause.

Vor lauter Horror habe ich mich tief in mein Sofa gepresst. Ich wechsle den Film. «Blade Runner 2049». Ryan Gosling sucht im entlegenen San Francisco nach Hinweisen zu seiner wahren Identität. Sein Flug mit dem Shuttle verläuft ruhig. Die Bilder des Kameramanns Roger Deakins sind eine Wucht. Gerade, weil Hans Zimmers Vangelis-ähnliche Musik aus den Boxen dröhnt. Tief. Ruhig. Anders. Wie der Moment unendlicher Ruhe kurz vor dem Aufwachen, an dem man sich ständig versucht, festzuhalten, bevor sich die Augen öffnen.

Quelle: UHD-Blu-Ray. Ton: Englisch, Dolby Atmos

Es regnet. Grosse, schwere Tropfen prasseln auf der Frontscheibe des Shuttles; die beiden Lautsprecher vor mir klingen dumpf und gleichzeitig hart. Dann wechselt die Perspektive – und die Soundkulisse. Das Shuttle ist von Aussen zu sehen. Der Regen hört sich anders an. Wohliger. Mein ganzes Wohnzimmer ausfüllend, als ob ich mich an einem kühlen Herbsttag mitten im Wald befände, wo jeder Tropfen um mich herum, der auf ein Blatt prallt, zu hören ist.

Auf einmal setzt die Geräuschkulisse aus. Eine trügerische Ruhe breitet sich aus: Die Energie des Shuttles ist von Aussen unterbrochen worden. Geräuschlos schwebt es absinkend durch die Luft. Dann zischt es von vorne links quer über meine Schulter zum hinteren, rechten Lautsprecher. Jemand hat auf das Shuttle – auf mich! – geschossen, aber verfehlt. Ich habe nur kurz Zeit, mich über die schiere Präzision der Soundwiedergabe zu freuen. Denn: wieder ein Schuss. Dieses Mal trifft er. Die Lautsprecher quietschen. Etwas ist kaputt gegangen. Im Film, nicht bei den Lautsprechern. Das Shuttle schwebt nicht mehr. Es stürzt ab.

Ich reisse mich wieder aus dem Film.

Ein hoher Preis, der sich rechtfertigt

Ich könnte ewig mit solchen Beispielen weitermachen. Fest steht, dass nicht mal meine Sonos Arc mit ihren zwei Boxen und dem Subwoofer der HTA9 das Wasser reichen können. Dabei galten die Sonos-Produkte für mich als Referenz, wenn’s um komplette Heimkino-Systeme um die 2000 Franken geht.

Sonys HTA9 klingt nicht nur wuchtiger, sondern präziser. Vor allem in der Vertikale – da habe ich die Unterschiede zu meinem privaten Setup am deutlichsten rausgehört. Wirklich überraschend ist das nicht: Wo bei mir nur die Sonos-Arc-Soundbar nach oben ausgerichtete Lautsprecher hat, sind’s bei Sonys HTA9 vier Lautsprecher, die dazu deutlich voluminöser sind. Das wiederum sorgt meist für mehr Wumms, das weniger digitale Manipulation benötigt, um raumfüllend zu klingen – noch etwas, das für die HTA9 spricht.

Dazu der Preis. Damals, beim Schreiben dieser Review am 13. Januar 2022, wie heute kostet die HTA9 rund 1999 Franken. Nicht wenig, aber immer noch weniger als die 2050 Franken, die du aktuell für mein Heimkino-Setup mit Sonos blechen müsstest. Und sie klingt erst noch besser. Nur ab und an hatte ich mit kurzen Drop-Outs zu kämpfen. Aussetzern, die womöglich WLAN-Interferenzen geschuldet waren. Sie hielten aber nie lange genug an, um meine Meinung massgeblich zu beeinflussen.

Hätte ich nicht schon die Sonos Arc, würde ich mir die HTA9 kaufen.
Hätte ich nicht schon die Sonos Arc, würde ich mir die HTA9 kaufen.

Fazit: Kann ich wärmstens weiterempfehlen

Sony versprach mir bei der Übergabe dieses Testgeräts eine Klangrevolution. Ganz so euphorisch würde ich es zwar nicht ausdrücken. Begeistert hat mich die HTA9 trotzdem. Die Einrichtung war einfach und die Lautsprecher sind optisch ansprechend. Und der Sound ist tatsächlich der meines aktuellen Heimkinosystems mit Soundbar überlegen – wenn auch nicht gerade in revolutionärem Masse.

Preislich dürfte so manchem der Atem stocken. Nicht Sonos-Käuferinnen und Käufern, die sind sich teuer gewohnt. Die Samsung HW-Q950A aber klingt zumindest auf dem Papier vergleichbar – und kostet «nur» 1299 Franken. Getestet habe ich sie noch nicht. Darum kann ich keine Vergleiche ziehen. Vielleicht teste ich die als nächstes?

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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.» 


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