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Warum der eReader das Papier schlägt und ich doch nie auf Bücher verzichten werde

Papier ist out, sagen Hersteller wie Amazon und Kobo. Seelenloser Elektroschrott, sagen Buchfans über eReadern. Kurz: Die digitalen Bücher sind die grosse Kontroverse im Buchhandel und unter Lesern. Ein Versuch, die Wogen zu glätten.

Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Meiner Mutter, einer Lehrerin, war es laut eigenen Angaben immer wichtig, dass ich einen Bezug zum geschriebenen Wort habe. Ich war früh dran mit Lesen und habe seither nie mehr aufgehört. Nach der Schule kam dann das Schreiben hinzu. Ich blogge, habe Zeitungen und Bücher geschrieben und schreibe nun Artikel für Digitec und Galaxus. Ich weiss viel über Papier, da ich für mein erstes Buch einst aus 17 verschiedenen Sorten weissem Papier aussuchen musste. Eine ganze Wand in meiner Wohnung ist bis fünf Millimeter unter die Decke und etwa einem Zentimeter zum Türrahmen mit Bücherregalen zugestellt. Kurz: Ich liebe Bücher, Geschichten und ich schreibe gerne.

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Dennoch, mein Kindle ist mein täglicher Begleiter. Von meiner ganzen Unterhaltungselektronik ist der Kindle das Gerät, das ich am wenigsten missen möchte. Bücherpuristen haben vermutlich bereits Fackeln und Mistgabeln gezückt, beschwören den Tod der Buchhandlung herauf und verlangen eine Entschuldigung im Namen Gutenbergs. Doch ich bleibe dabei: Nicht ohne meinen Kindle.

Konsum vs. Genuss

Nichts wird für mich je ein Buch ersetzen. Das steht fest. Da können noch hundert Kindles daherkommen und Amazon kann noch so viel Unlimited-Produkte anbieten. Weil meine Ansprüche an ein Buch ganz andere sind als die, die ich an eine Geschichte habe.

Mein Kindle ist daher immer bei mir, weil er einem Buch technologisch meilenweit voraus ist. Ich kann unterwegs, an irgendeinem Flughafen irgendwo auf der Welt oder im Bus auf dem Weg ins Büro, mir innerhalb Sekunden eine neue Geschichte besorgen und diese unvermittelt lesen. Für Leseratten wie mich ist das unendlich wertvoll und ein grosses Stück Lebensqualität.

Die überall vorhandenen Bücher sind aber nicht mal mein Lieblingsfeature des Kindle. Es ist die Beleuchtung des ePaper-Bildschirms. Egal wie hell oder dunkel es gerade im Bus, am Flughafen oder bei mir zu Hause im Bett ist, die Geschichte vor mir ist immer gleich hell und ich kann auch unterwegs im Buch versinken.

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Wenn es darum geht, eine Geschichte zu konsumieren, also nur um den Inhalt des Buches, dann ist ein eReader ganz klar der Sieger.

Die Chance für unabhängige Autoren

Ferner haben Programme wie Amazons Kindle Direct Publishing (KDP), wo jeder sein Buch ohne Zusage eines Verlages veröffentlichen kann, der Vielfalt des geschriebenen Wortes einen Dienst erwiesen. Jede noch so ambitionierte Verlagsinitiative mit gedruckten Seiten hat das nicht hingekriegt. Dank KDP haben wir Bücher wie Andy Weirs The Martian erhalten. Angefangen hat die Geschichte eines auf dem Mars gestrandeten Astronauten mit dem wohl nervigsten Sinn für Humor aller Zeiten als normales Buch. Andy Weir hat das Buch an Verlage geschickt und Absage um Absage erhalten. Entmutigt hat er sich dann dazu entschieden, das Buch kapitelweise gratis auf seiner Website zu veröffentlichen. Fans wollten die Geschichte Mark Watneys und Sätzen wie «Fuck you, Mars!» und «Der Mars wird lernen, mich und die Macht meiner botanischen Kräfte zu fürchten!» aber auf ihren Kindles lesen. Andy Weir hat dann KDP genutzt und das Buch für 99 Cent angeboten. Das Buch wurde zum Amazon-Bestseller. The Martian fand seinen Weg in mein Bücherregal, nachdem ein Verlag sich endlich dazu entschieden hat, das Buch zu drucken.

The Martian gilt als eines der besten und einflussreichsten Science-Fiction-Bücher der vergangenen Jahre. Die Erfolgsgeschichte hat ihr vorläufiges Ende mit der Verfilmung der Geschichte von Science-Fiction-Grossmeister Ridley Scott gefunden.

Andererseits zeigen Verlagsprogramme wie KDP die seltsame Seite der Menschheit. Christie Sims und Alara Branwen haben mit ihrer Kurzgeschichte Taken by the T-Rex die sexuelle und total anachronistische Begegnung einer Frau mit einem erregten Tyrannosaurus Rex, einen merkwürdigen Fetisch fast schon salonfähig gemacht. Luna Loupe hat eine Story geschrieben, in der eine gestaltwandelnde Sepie (eine Art Tintenfisch) eine homosexuelle Beziehung mit einem Mann eingeht. Die Geschichte endet in einer Orgie. Trotzdem: Ohne KDP wüssten wir nicht, dass das offensichtlich etwas ist, das nicht nur geschrieben, sondern auch gelesen wird.

Die Welt ist ein merkwürdiger Ort.

Zwischen Weir und Sims/Branwen gibt es tausende Autoren, die ihr Glück abseits der etablierten Verlage versuchen und das ist gut so. Immer wieder entdecke ich Kurzgeschichten oder ganze Bücher, die zwar gut zu lesen sind, aber es nie in ein Verlagsprogramm schaffen würden.

Warum Bücher niemals aussterben werden

Auf der anderen Seite kaufe ich nach wie vor Bücher und Magazine. Zuletzt habe ich mir China Miévilles jüngstes Buch The Last Days of New Paris und den ersten Roman, der in der Welt des Podcasts Welcome to Night Vale spielt, gekauft. Und einige Heftromane aus der Science-Fiction-Serie Perry Rhodan. Dazu etwa zwei Dutzend Comics aus dem Hause DC und Marvel.

Lesetipp: Welcome to Night Vale

Aber ein Buch ist nicht mehr das, was ich im Bus oder im Tram lese. Ein Buch ist vom Träger einer Geschichte zum Objekt der Lebensqualität geworden. Wenn ich ein Buch lese, dann ist das ein bewusster Genuss. Ich rieche das Papier und den Leim des Buches, fühle die Rauheit des Papiers und sitze in einem bequemen Stuhl oder habe mich unter einer Decke auf der Couch verkrochen und verstecke mich erfolgreich vor der Welt.

Mein eReader hat mich im Laufe der Jahre eines gelehrt: Bücher sind mehr als nur Wörter, die zu einer Geschichte werden. Ich habe Bücher neu entdeckt, was ich als Leseratte seit meinem vierten Lebensjahr nicht erwartet hätte. Ferner habe ich trotz dem Kindle weit mehr Bücher gekauft. Denn wenn mir ein Kindle-Buch gefällt, dann will ich das im Regal stehen haben. So habe ich mir seltsame Bücher gekauft, die weit ausserhalb meiner Lieblingsgenres liegen. Mein Kindle hat meine Bibliothek besser gemacht.

Idealistisch aber zählt für mich am Ende nur eines: Dass du, deine Familie und alle deine Bekannten lesen. Egal was. Lest Zeitungen, Comics, Bücher, den Playboy, Betriebsanleitungen oder Artikel auf digitec.

Und wenn ihr schon hier seid: Was meint ihr? Sind eReader besser als Bücher? Warum sind sie das oder halt eben nicht? Sagt es mir und allen anderen hier in den Kommentaren. Dann gibt’s noch mehr Lesestoff.

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Philipp Rüegg

Philipp Rüegg

Teamleader Odin

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Dürfen wir vorstellen: Die neuen eReader von Tolino und Amazon

User
Journalist. Autor. Hacker. Meine Themen haben meist mit Android oder Apples iOS zu tun. Auch die IT-Security liegt mir am Herzen, denn in unserer Zeit ist der Datenschutz keine Nebensache mehr, sondern eine Überlebensstrategie.

1 Kommentar

User andylehmann

Vielen Dank für deinen neutrale Kungebung deiner Haltung zu Bücher und eBooks. Deine Einstellung reflektiert, so bin ich mir ziemlich sicher, die Einstellung vieler Leser. Wichtig ist nicht was man konsumiert, sondern wie bewusst man ein Medium konsumiert - sehr schön geschriebener Artikel!

05.12.2016
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User martindeu

Schön geschrieben, und obschon ich Deine sensorische Komponente eines Buches total nachvollziehen kann, fluche ich beim Umziehen über den Preis bzw. Last dieses Vergnügens.
Ich finde man kann auch mit einem Kindle im Sofa sitzen und das eBook geniessen - früher gab's von Amazon noch richtig tolle Lederhüllen - die sind leider verschwunden bzw.riechen nach irgend einem Kunststoff...
Wo ich nicht aufs Buch verzichten kann: Studienbücher und Nachschlagewerke, wenn mann hin- und herblättern muss.

12.12.2016
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