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Blitzfotografie, Teil 2: Das Leid mit der Leitzahl

Bei einem Blitzgerät ist die Leuchtkraft entscheidend. Sie wird als Leitzahl angegeben. Leider ist diese Angabe trügerisch und ihre Berechnung viel schwieriger, als es scheint. So pimpen viele Hersteller ihre Zahlen, wie es ihnen gerade passt.

Ein separates Blitzgerät hat gegenüber dem eingebauten Kamerablitz viele Vorteile. Einer davon ist die höhere Leuchtkraft. Ein Aufsteckblitz hat viel mehr Power. Das ermöglicht dir, weiter entfernte Motive korrekt auszuleuchten.

Für die Leuchtkraft eines Blitzes gibt es eine spezielle Masseinheit: Die Leitzahl. Sie wird folgendermassen berechnet:

Leitzahl = Blendenwert × höchster Abstand in Metern

Beispiel: Wenn ich Blende F4 einsetze und auf eine Distanz von bis zu 6 Meter blitzen kann, dann hat mein Blitz eine Leitzahl von 4×6=24.

Umgekehrt kann ich ausrechnen, wie weit ich mit welcher Blende beleuchten kann, wenn ich die Leitzahl meines Blitzgerätes kenne (24): Bei Blende F4 sind das 6 Meter und bei Blende F8 noch 3 Meter.

Das klingt einfach und exakt. Simple Mathematik. Leider stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass diese Leitzahlangabe weitgehend nutzlos ist.

Zahlreiche Faktoren beeinflussen die Leitzahl

Ob dein Blitz für eine bestimmte Szene genug hell ist, hängt nicht nur von Blende, Leuchtkraft und Abstand ab, sondern von einer Reihe weiterer Dinge.

Erstens: Die ISO-Empfindlichkeit. Logisch – bei höherer Lichtempfindlichkeit reicht der Blitz weiter.

Zweitens: Das Motiv und dessen Umgebung. Matte, dunkle Motive brauchen einen stärkeren Blitz als helle, reflektierende Oberflächen. Die benötigte Lichtmenge hängt auch davon ab, ob sich in der Nähe reflektierende Oberflächen wie Fenster befinden.

Drittens: Der Zoomfaktor. Moderne Blitzgeräte wissen, mit welcher Brennweite du gerade fotografierst. Diese Information wird von der Kamera an den Blitz gesendet. Der Blitz bündelt aufgrund dieser Information das Licht je nach Brennweite mehr oder weniger stark: Im Weitwinkel wird es möglichst breit gestreut, im Telebereich als möglichst enger Strahl auf den kleinen Bildausschnitt gerichtet. Was das mit der Leitzahl zu tun hat? Es ist wie beim Gartenschlauch: Ein eng gebündelter Lichtstrahl reicht bei gleicher Lichtmenge weiter als breit gestreutes Licht. Das bedeutet, dass die Leitzahl eines Blitzgeräts von der gerade verwendeten Brennweite abhängt.

Viertens: Indirektes Blitzen. Der maximale Abstand gilt natürlich nur, wenn du den Blitz direkt auf das Motiv richtest. Indirektes Blitzen via Decke oder Wand ist aber einer der wichtigsten Gründe, weshalb du überhaupt ein externes Blitzgerät verwenden willst.

Die folgenden Bilder von unserem Bürogebäude sind zwar grässlich, veranschaulichen die Faktoren aber gut. Alle Fotos wurden mit maximaler Blitzstärke des Geräts, Blende F8 und 1/125 Sekunde aufgenommen.

Das Bild links ist direkt frontal angeblitzt, der Blitz ist stark genug. Im Bild rechts habe ich über die Zimmerdecke geblitzt. Da der Raum sehr hoch ist, war der Blitz viel zu schwach.

Frontal
Via Decke

Links nochmal das gleiche Bild über die Decke geblitzt. Rechts dasselbe mit 400 statt 100 ISO.

100 ISO
400 ISO

Wieder frontal geblitzt. Im Weitwinkel mit 24 mm kann das Bild nur notdürftig ausgeleuchtet werden. Im kleineren Ausschnitt von 70 mm reicht das Blitzlicht aus, weil es gebündelt wird. Ausserdem siehst du, dass die Pflanze als Motiv sehr viel mehr Blitzlicht braucht als zum Beispiel der Topf.

24mm
70mm

Hier kommt das Blitzlicht indirekt von der Fensterwand. Den rechten Bildrand vermag der Blitz so nicht auszuleuchten. Gleichzeitig siehst du, dass die Helligkeit gegen oben nachlässt.

Indirekt via Fenster geblitzt

Wo die Probleme liegen

Die ISO-Abhängigkeit ist unproblematisch. Die Hersteller einigen sich auf 100 ISO, Problem gelöst. Tatsächlich halten sich auch alle an diesen Konsens. Im Alltag ist es auch keine Sache, auf eine andere ISO-Zahl umzurechnen. Laut Wikipedia bedeutet eine Vervierfachung der ISO-Zahl eine Verdoppelung der Reichweite.

Die Abhängigkeit vom Motiv lässt sich ebenfalls standardisieren. Leitzahl-Angaben gelten für eine Graukarte mit 18 Prozent Grau und ohne reflektierende Umgebung. Dieser Standard ermöglicht die Vergleichbarkeit von Angaben verschiedener Blitzgeräte. Er nützt dir jedoch nichts, wenn du wissen willst, wie weit du in einer bestimmten Situation tatsächlich blitzen kannst.

Besonders problematisch ist der Zoomfaktor. Nicht alle Hersteller verwenden die gleiche Brennweite für ihre Leitzahl-Angaben. Nikon gibt die Leitzahl für 35 mm an. Canon und Sony dagegen nehmen die maximale Brennweite, die mit dem jeweiligen Blitz möglich ist und erreichen damit bei ähnlichen Blitzgeräten viel höhere Werte. Weil nicht jedes Blitzgerät die gleichen Brennweiten abdeckt, sind die Leitzahl-Angaben nicht einmal innerhalb der gleichen Marke verlässlich vergleichbar.

Zu allem Übel lässt sich die Leitzahl nicht einfach von einer Brennweite auf eine andere umrechnen, wie das beim ISO-Wert der Fall ist. Du musst das Handbuch des jeweiligen Blitzgeräts herunterladen und dort die entsprechende Tabelle suchen. Dem Handbuch des Canon Speedlite 430EX III entnehme ich auf Seite 101, dass dieser Blitz bei 35mm eine Leitzahl von 28 hat. Damit ist es gleich stark wie das Nikon Speedlight SB-700.

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Was tun mit dieser Nichtinformation?

Lass dich nicht blenden: Bei der Wahl eines Blitzgeräts ist die Leitzahl ohne Brennweitenangabe nutzlos. Natürlich wüsstest du lieber, was dir beim Kauf hilft, anstatt was dir nicht hilft. Mein Tipp dafür ist sehr einfach: Kauf nicht das günstigste und schwächste Blitzgerät. Beim indirekten Blitzen bist du froh, wenn dein Blitz Reserven hat. Ebenso, wenn du im hellen Sonnenlicht per Blitz aufhellen willst. Die etwas teureren Blitzgeräte sind nicht nur stärker, sondern haben meist auch ein paar Features mehr. Schwache Blitze sind eigentlich nur sinnvoll im Verbund mit mehreren Blitzen oder wenn du etwas extrem Handliches brauchst.

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David Lee, Zürich

  • Senior Editor
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

5 Kommentare

3000 / 3000 Zeichen
Es gelten die Community-Bedingungen.

User tony s

Warum habt ihr keine YONGNUO blitzer im sortiment? :( muss sie immer ganz günstig über aliexpress bestellen, anstatt dass ich ein paar franken mehr, dafür über euch bestellen könnte :)

15.03.2019
User elbassisto

GODOX FTW. Die "original" Blitze von Canon Nikon ect. sind meiner Meinung nach zu Teuer. Godox bietet für alle Systeme super Blitze zum +- halben Preis.
Der TT350 ist ein genialer kleiner leichter Begleiter mit vollem TTL wireless ect. Funktionsumfang.

15.03.2019
User fs

derselben meinung. die aussage im artikel “kauf nicht das günstigste” ist plump. nicht das schwächste zu kaufen macht zwar mehr sinn, ist aber auch wieder abhängig vom verwendungszweck. ein kicker light muss nicht unbedingt stark sein. godox beweist, dass super qualität preiswert sein kann. es handelt sich dabei sogar oft um die selben geräte wie bei den grossen brands, nur zahlt man nix für den namen.

15.03.2019
User fs

...abgesehen davon ist der beitrag gut, respektive erklärt relativ simpel um was es geht. nur schade eben, dass nicht auf firmen wie godox verwiesen wird, dafür aber wiedermal auf die teuren produkte der big brands. der artikel richtet sich an einsteiger. diese sollten nicht für dumm verkauft werden.

15.03.2019
Antworten
User mail

Die genannte Formel LZ:m=f (und alle daraus resultierenden Umkehrungen) wird in der Fotorafenprüfung seit 50 Jahren korrekt so vermittelt:
1. Gültigkeit nur bei ISO 100
2. Gültigkeit nur bei Einsatz der Normalbrennweite des eingesetzten Formates (wird errechnet aus der Diagonale des Bildformates)
3. Die Abstandsangabe in m bezieht sich immer auf den Weg des Lichtes und nicht auf den Abstand des Fotografen (indirektes oder entfesseltes Blitzen)
4. Die Erhöhung von ISO-Werten erhöht die Lichtabgabekapazität eines Blitzgerätes natürlich nicht. Sie verringert lediglich den Lichtbedarf des Filmes oder Sensors.

In den technischen Angaben der Bedienungsanleitung eines Blitzgerätes muss eigentlich der Echtwert der Leitzahl mit angegeben werden und wird meistens als "entspricht bei 100 ISO und 50mm" bezeichnet. Andernfalls hilft nur: Gerät auspacken und unter Einstellung oben genannter Parameter mit der eigenen Kamera testen.

15.03.2019